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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Plüschbar, Plastik und Cole Porter
Beim "musikprotokoll" in Graz etablierte sich der Laptop als Tonwerkzeug


Graz - Barmusik von Musikern, die sonst nie Barmusik spielen, eine Sängerin, die keine ist, sondern im Brotberuf Konzeptkunst nachgeht, und deren Stimme die Geschmeidigkeit eines dürren Astes und die Wärme eines Kühlschranks verströmt. Das alles in einer Plüschbar mit Plastikfauteuils: das Grazer musikprotokoll endete so, wie es vor einer Woche begann, mit einem Programmpunkt, der das Motto, die Unschärferelation, in ästhetisches Niemandsland übersetzte.

Die Pointe dieser gepflegten Geschmacksverirrung erschloss sich freilich nur dann, wenn man jene Musiker, die Matta Wagnest hier an drei Abenden Cole Porter sowie etwas Monk - zum Glück sang sie nicht Schubert - zum besten geben ließen, zuvor in ihrem eigentlichen Milieu erlebt hatte: als freie Improvisatoren.

Den Rotationspunkt dieser Konzerte des Dörner Trios und des Beresford Trios bildete der Schlagzeuger Paul Lovens, dessen Agilität in wohltuendem Gegensatz zu der statischen Krach- und Knisterästhetik des Trompeten-und Laptopkünstlers Axel Dörner und des Gitarrenbastlers Kevin Drumm stand.

Kabinettstück im Saal

Glitt dieses Trio zu schnell in die Klischeefalle von langen, aber spannungslosen Legato-Bögen ab, so glänzte das Beresford Trio mit einem sehr agilen John Butcher am Sopran- und Tenorsaxophon. Was da im nur sehr spärlich besuchten Minoritensaal erklang, war zwar auch nicht ein Kabinettstück an formbewusster Innovationen, servierte aber beachtliches Powerplay in recht ansprechender Form. Albert Ayler ließ grüßen.

Was bleibt nun von diesem von Christian Scheib sehr persönlich gestalteten musikprotokoll? Es drängt sich vor allem ein indifferenter Eindruck aus, so als hätte man auf sieben Hochzeiten fast gleichzeitig getanzt. Kein Wunder, denn neue Kammermusik, gepflegte Ensemblekunst, freie Improvisation, computergenerierte Elektronik, Filmmusik, Installationskunst und Barmusik an zwei Wochenenden zu vereinen, stößt an Grenzen, an jene der Produktion wie der Rezeption.

Als Hauptproblematik entpuppte sich dabei als paradoxer Zwang der freien Musik die festgelegte Dauer von jeweils gut 45 Minuten, die viele Ensembles zur Generierung von zumeist langen, aber nicht selten inhaltslosen Geräuschflächen nutzten; auch dann, wenn sich die musikalische Substanz bereits nach zehn Minuten erschöpft hatte.

Als neues Tonwerkzeug etablierte sich der Laptop, das wohl unzugänglichste, da ganz im Stillen und für sich alleine werkelnde Instrument. Der Output war jedoch beachtlich und reichte von grausam die Ohren stechenden klingenden Bajonetten (Jeanne Frémaux) bis hin zu zart abgestimmter Musik voll pastoralem Charme (Viön & Mem). Kammerlap sozusagen.

Robert Spoula

erschienen in:
Der Standard, 14.11.2002   http://derstandard.at/