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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Angewandte: Kaffeetassen, Wohnblöcke, Blob!
Der US-Architekt Greg Lynn folgte Hans Hollein als Professor an der Wiener Angewandten nach. Im "Presse"-Gespräch: ein Theoretiker, der den "Blob" benannte und im Wettbewerb um den Wiederaufbau des WTC in New York steht.


In wenigen Tagen werden in New York die sechs Entwürfe für das Gelände des World Trade Center präsentiert. Eine erste Vorschlagsrunde scheiterte heuer schon an der heftigen Ablehnung der Bevölkerung. Sechs internationale Architekten-Teams bangen. Darunter auch Greg Lynn, neuer Professor für Architektur an der Wiener Universität für angewandte Kunst. Er folgte im Herbst dem emeritierten Hans Hollein. Ein in Österreich nur in Insider-Kreisen geläufiger Name. Keine prestigeträchtigen Einzelbauten hat der 38jährige Amerikaner vorzuweisen, dafür schon fünf Lehrstühle von Chicago bis zuletzt an der ETH Zürich.
"Ich bin definitiv ein Theoretiker", bestätigt Lynn. Sein bisher einziges Projekt in Österreich: der Entwurf für ein Pressezentrum für die OMV in Schwechat. Es wurde noch nicht umgesetzt. Lynn ist Forscher, aber auch Teamarbeiter. "United Architects" heißt die Gruppe, mit der er jetzt um die Neuplanung von Ground Zero wettkämpft. Aus Hunderten Bewerbungen wurden sie mit fünf anderen Teams ausgewählt. "Wir haben eine 1:6-Chance zu gewinnen", lacht der gewinnend fröhliche Architekt, der auch einen Universität-Abschluß in Philosophie und Design hat: "Aber was heißt hier schon ,gewinnen'? Das ist ein ungeheuer sensibles Projekt. Es gab nie ein anderes, das so unter öffentlicher Aufmerksamkeit steht wie dieses." Pläne für New York Alle zwei Wochen gibt es ein Treffen mit den Verantwortlichen, erklärt Lynn.
Am 20. November sollen die Pläne erstmals den Medien präsentiert werden. Im Dezember kommen aus den sechs Teams drei in die nächste Runde. Die endgültige Entscheidung wird für Anfang 2003 erwartet. Über seinen Plan ist Lynn schweigsam: "Natürlich müssen wir in die Höhe bauen, aber nicht unbedingt so hoch. Wir machen uns eher um die ersten zehn Stockwerke Gedanken." Alle fünf Mitglieder von "United Architects" (Reiser Umemoto, Foreign Office Architects, Greg Lynn, Imaginary Forces und Kevin Kenon) sind etwa am gleichen Stand, arbeiten ähnlich, sind ansonsten Konkurrenten. Vier davon sind bei der heurigen Steirischen-Herbst-Ausstellung "Utopien" in Graz vertreten: "Wir wollten in unserer Gruppe eine ganze Generation Architekten vereinen."
Ein Stil verbindet in den letzten Jahren auch die jüngeren Architekten: Runde, organische Formen, Gebäude, die wie unterschiedlich abgeschnürte Luftballons wirken - weich, flexibel, fließend - der "Blob", die Blase. Ein Begriff, der von Greg Lynn geprägt wurde. "Ich habe den Blob damals gar nicht positiv gemeint. Sondern damit Formen bezeichnet, die zu ,smooth' sind, keine Merkmale, Charakteristika haben."
Der Ursprung dieser Entwicklung ist die Umlegung einer Software aus dem Design-Bereich. "Neue Technologien lassen zu Beginn immer einen ganzen Fachbereich gleich aussehen. Wenn man etwa an die Erfindung der Perspektive in der Kunstgeschichte denkt: Zu dieser Zeit beschäftigten sich auch alle Gemälde nur mit der Anwendung der Perspektive. Erst nach und nach wurde die neue Technik integriert, die Bilder wurden wieder mehr Malerei", erklärt Lynn die auffällige Einförmigkeit, die auch bei der Grazer "Utopia"-Ausstellung ins Auge springt. "
Bei Industrial Design ist es ähnlich: Mitte der achtziger Jahre haben alle Autos gleich ausgeschaut. Das ist eine Technologie-Frage, keine des Stils." Neben seinen Forschungen arbeitet Lynn auch als Designer, etwa für Alessi. Wo liegt seiner Meinung nach heute noch der Unterschied zwischen Architektur und Design? "Es gibt keinen fundamentalen Unterschied in der Produktion. Meine Alessi-Entwürfe, wie etwa eine Kaffeetasse, unterscheiden sich im Ansatz nicht von einem Wohnblock. Wenn ich über Produkte nachdenke, denke ich an sie als Teile einer größeren Struktur - wie Ziegelsteine, die eine Mauer bilden." Wie Hollein ist auch Lynn stark in den Bereich Design involviert, genauso wie in die Verbindung von Kunst und Architektur.

ALMUTH SPIEGLER

erschienen in:
Die Presse, 18.11.2002   http://diepresse.at