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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Winnetous Zweitritt auf dem Dichterpferd
Josef Winklers "Tintentod" - in angeblicher Neufassung. Ein Fall von Rosstäuschung, eine lahme Dichterpferd-Fütterung mit Würfelzucker.


Mit fast schon liebenswert-gestrenger Oberlehrerhaftigkeit ging die "herbst"-Dramaturgenschaft nach der vorjährigen Uraufführung von Josef Winklers "Tintentod" daran, recht pauschal die heimischen Kritiker an den Ohren zu ziehen, weil sie die wahren Lektionen des "Tintentodes" von Josef Winkler so ganz und gar nicht kapiert hätten. Entgegengehalten wurde und wird noch der redliche Aufsatz eines festivaltreuen Musterschülers, der sich in der "Süddeutschen" mit Lobgesängen in höchster Obertonlage hervortat. Also heißt es zurück auf die Schulbank und hinein in die Probebühne des Grazer Schauspielhauses. Eine Neufassung der Uraufführung wurde avisiert, zumal es sich bei dem Stück um ein "Work in Progress" handle. Allein, die Progression bestand in erster Linie darin, dass man das Stück, basierend auf einem Interview, das Winkler mit dem Germanisten Klaus Amann führte, um runde 30 Minuten kürzte und glättete, wo sich ohnedies nur Untiefen befanden. Hier, immerhin, machte er sich bemerkbar, der Tintentod - durch weitere Auslöschungen. Die Konsequenzen daraus lassen sich, auch auf die Gefahr hin, dass einem die "herbst"-Instanzen die Lauschlöffel gleich bis zum Boden langzieht, kurz und bündig zusammenfassen: Der vorgelegte, zynische, sarkastische, wütende Selbstbefund eines seelisch implodierenden Autors, der sich selbst unentwegt und schonungslos in den Würgegriff nimmt, verkommt erneut zur Studie über einen halbnaiven, halbeitlen, sprachlich gehemmten und kastrierten Landneurotiker, der in der Inszenierung von Tina Lanik kein Wort, keinen Muckser lang die Chance erhält, ernst genommen zu werden. Noch immer steht, hier kommt die Symbolik aber gleich mit dem Blaulicht der Bedeutung daher, als Freud‘sche Vollleistung eine Couch im Rasenbettchen (ist es der Friedhof der bitteren Pampel-Musen, ist es die Spielwiese des Ackermanns?) auf der Bühne, noch immer wird plump mit Heimatklischees gegurgelt, und erneut wird durch völlig entbehrliche Filmeinspielungen auf Winklers Jugendliebe zu Karl May herumgeritten. Der Furor eines Antonin Artaud, der durchaus zu entfachen wäre, hier wird er zu Winnetous Zweitritt auf einem lahmenden und klappernden Skelett eines durch den Sumpf gezogenen Dichter-, nein, Schaukelpfer des, das, um es ja nicht zum Schnauben zu bringen, mit Würfelzucker vollgestopf wird. Ein Fall von Rosstäuschung, eine Wiederaufnahme, der keinerlei Bemühen um Justierung oder Wiedergutmachung zu entnehmen ist. Immerhin, dem Modus der Wiederaufnahme gehorchend, lassen sich auch die Einwände aus dem Vorjahr wiederholen, natürlich ebenfalls verkürzt: "Der Winkler‘sche Fleischwolf der Füllfeder aus Leib und Seele" trägt in der Umsetzung lediglich lückenhafte Zahnprothesen." Geschrieben vor einem Jahr, unterschrieben ein Jahr später.

Werner Krause

erschienen in:
Kleine Zeitung   http://www.kleinezeitung.at