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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Gulliver im Land der Popel


Relevanz und Rolle der Utopie in der von neuen technischen Dimensionen geprägten Gegenwartsarchitektur beleuchtet heuer der Steirische Herbst. Von Bildschirmpräsentationen bleibt man großteils verschont. Mehr Installationen als architektonische Entwürfe sind zu sehen, mit viel theoretischem Überbau, den man zu Hause im lila gepolsterten Katalog nachlesen kann, wenn man die Beule gekühlt hat, die man sich am Türsturz des Containerhäuschens von Reiser & Umemoto geholt hat. Ach so, die im Dunkel hängenden Kompassnadeln reagieren auf Besucher.

Vieles ähnelt frappant den Utopien der Sechziger, etwa Karim Rashids kugelige Sitzzellen, die sich von den Kugelsesseln Eero Aarnios nicht wesentlich unterscheiden. So gern wie Rashid den Aarnio, so gern mag Andreas Thaler Verner Panton und seine "Visiona"-Wohnlandschaften.

NOX/Lars Spuybroek thematisiert Formen von Porosität in der Nachfolge von Frei Otto. Aufhebung der Schwerkraft, Fluktuation, Deformation heißen die Leitmotive. Zwischen den hinlänglich bekannten WTC-Entwürfen, hydraulischen Gummiwänden und aufgeblasenen Luftschläuchen jede Menge auf Museums- oder Shopmodelldimensionen vergrößerte nasenpopelartige Blobs, Möbiusbänder und die beliebten Plexiglaswürste, die Kuratorin Zaha Hadid sicher gefallen. Coop Himmelb(l)aus Modell des Musée des confluences in Lyon fährt auf Schienen hin und her. Dazwischen richtige Architektur: The next ENTERprises Modell des Seebads Kaltern zeigt ebenso wie Pichler & Traupmanns Häuser, wie fruchtbar die Synthese utopischer Ansätze mit konkreten Aufgaben sein kann.

Jenseits der Mur ist bei den "Frischen Fischen" der Nachwuchs der Grazer Schule zu sehen, deren Existenz noch im gleichen Atemzug geleugnet wird. Von MACHNÉ & DURIG, ORTLOS (Großbuchstaben sind noch immer ganz wichtig), noncon:form, Supernett, transparadiso und anderen sieht man aber einstweilen nur die Verpackungen, in denen die Exponate auf Tour gehen werden. Ausgepackt wird später.

www.latentutopias.at

(8010 Graz, Neutorgasse 45 A, bis 02.03.2003)

Iris Meder

erschienen in:
artmagazin.cc, 04.11.2002   http://artmagazine.cc