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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Das Elend des Barbaren
Ein Symposium des Steirischen Herbstes


Graz ist Graz, und der Barbar ist anderswo. Den «Fremdkörper» hat der Steirische Herbst für dieses Jahr entdeckt und füllt seine Hohlform mit zahllosen Organismen des Andersseins. Die Kunst des Balkans grüsst aus dem «Balkan-Konsulat», der kreative Dilettant aus dem «Forum Stadtpark» und das Ich ganz generell aus einer Ausstellung mit dem Titel «Enactments of the Self». In dieser Zone der Selbstverwirklichung bauen die New Yorker Künstler Ward Shelley und Jesse A. Bercowitz an einem Tunnel. Im Verborgenen hausen sie und schrauben an ihrem Symbol gefährlich primitiven Lebens. Was weiss man über die Barbaren? Genug jedenfalls, um Phantasmagorien in Gang zu bringen, und zu wenig für eine Politik. Als «Kampfvokabel» wollte ein Symposium des Steirischen Herbstes deshalb den Begriff der «Barbaren» untersuchen. Die fundamentale Grenze zwischen der tatsächlichen Barbarei der politischen Verbrechen etwa des 20. Jahrhunderts und der metaphorisch schillernden Rede vom naturnah-wilden Barbaren wurde dabei allerdings nicht immer ganz exakt gezogen.


Geschichte


Diffizil ist das Verhältnis der Moderne zur Barbarei. Den Ruf ihrer Überwindung hat die Moderne mit dem Nachteil erkauft, das Barbarische immer noch als Kehrseite mit sich zu tragen. Als Trost bleibt die Behauptung, dass die Moderne mit den Anfechtungen der Barbarei wenigstens reflexiv umgehen könne. Neu an der Barbarei des 20. Jahrhunderts war, wie die Hamburger Soziologin Gabriele Klein deutlich machte, dass sie nicht nur mit fernem Blick andere Kulturformen als primitiv denunziert hat, sondern auch eine «interne Barbarei» zuliess, die allenthalben auf den Kriegsfeldern, seien sie militärischer oder sozialer Art, zu finden war. Die Barbaren waren nicht mehr irgendwo, sie wüteten im Hier und Heute. Der Nationalsozialismus trieb seine Barbarei, indem er die Juden zu Barbaren erklärte. Der Zerfall grösserer politischer Gebilde in Nationalstaaten hat - wie in Ex-Jugoslawien oder in der ehemaligen Sowjetunion - zu unübersichtlichen Ordnungen geführt, auf die allemal die plakative Formel vom «Rückfall in die Barbarei» zu passen schien. Subtiler freilich geht die wirtschaftliche Definitionsmacht der Globalisierung mit dem unproduktiv «Primitiven» um. Lang ist die Geschichte der Verwendung des Wortes Barbar. Von «Plato bis zur Nato» (Claude Rawson) reicht das wechselvolle Leben eines Begriffs, zu dem eine politische Praxis eher gehört als eine theoretische Ergründung. Ambivalent sind deshalb die Bedeutungen und höchst verschieden die Folgen der Anwendung einer Chiffre, die das gänzlich Andere, wie beim Symposium gezeigt wurde, als Tatbestand der Bedrohung oder als erfüllte Sehnsucht sehen kann. Die handfeste Unmoral der Barbarei hat im Bild des «edlen Wilden» ihr positives Pendant. Neben dem unrettbaren «hard primitivism» steht die utopische Anziehungskraft des «soft primitivism», dessen zeitenübergreifende Verlockungen der Frankfurter Ethnologe Karl-Heinz Kohl nachgezeichnet hat. Tacitus rühmt die Unverdorbenheit und Willensstärke der Germanen, die in vitalem Widerspruch zur römischen Verweichlichung steht. Das 18. Jahrhundert erfindet den edlen Wilden, den sich die Natur- und Sozialromantik als urwüchsige Verkörperung einer geradezu biologisch korrekten Moral ausdenkt. Rousseau, Voltaire und Diderot haben den Barbaren in diesem Sinne domestiziert, während die politischen Theoretiker des 19. Jahrhunderts im einfachen Leben des bäuerlichen Proletariats einen Gegenentwurf zu den Zwängen des Kapitalismus sehen. Die Barbaren hausen längst nicht mehr, wie Aristoteles meinte, irgendwo am Schwarzen Meer, sondern sie verwirklichen nolens volens die politischen Utopien bescheidenen Auskommens mitten in den Fortschrittszonen beginnender Industrialisierung. Ob Marx und Engels oder Gorki und Brecht - alle haben ihre trivialmythischen Versionen von den «Verdammten der Erde» niedergeschrieben. Im 20. Jahrhundert schliesslich, wo die gesellschaftlichen Verhältnisse Europas fest gefügt sind, schafft die Imagination den «edlen Wilden» wieder ausser Landes. Gauguin widmet sich seinen Südseeträumen, und später entdeckt die Linke ein fernes Proletariat, das ihre eigenen ideologischen Projektionen an den Originalschauplätzen der chinesischen Kulturrevolution oder im algerischen Freiheitskampf verwirklicht.

Paul Jandl

erschienen in:
Neue Zürcher Zeitung, 18.11.2002   http://www.nzz.ch