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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Das Große im Kleinen & anarchischer Witz
Profis und Dilettanten: Das überaus reichhaltige "herbst"-Angebot an zeitgenössischer bildender Kunst lässt Grenzen lustvoll verschwimmen.


Fast dreißig Orte muss, kann der "herbst"-Wanderer aufsuchen, will er sich ein umfassendes Bild von der Präsenz der zeitgenössischen bildenden Kunst im diesjährigen steirischen Gegenwartsfestival machen. Ein Bild aus unzähligen zwei-, drei und vierdimensionalen (die Zeit spielt immer wieder einer wichtige Rolle) Bildern. Großen Bildern, kleinen Bildern.

Ganz kleine Bilder kreiert Herwig Tollschein im unablässigen Schaffensprozess. "Zum Bleistift" heißt eine Installation aus den Miniaturen des 32-jährigen Bruckers, ein Film gleichsam aus Standbildern, in dem materielle und imaginäre Wirklichkeiten verschmelzen. Lyrisches findet sich da neben Gewalt(tät)igem, eine Kirche neben einem Panzer, ein kleines Haus neben (auch im Kleinstformat) bedrohlich riesenhaft wirkendem Monument. Er sei "inwendig voll Figur" wird der Künstler zitiert. Und der Betrachter macht die Erfahrung, dass ein Bleistift tatsächlich genügen kann, um großen Reichtum zu vermitteln.

Von großem Anspielungsreichtum ist Cosima von Bonins Installation "Fondorientierte Ausstattung". Aber auch von großem Aufwand, der viele poetische Nuancen der das Künstlerhaus füllenden Arbeit letztlich zu erdrücken droht. "Alles muss im Überfluss vorhanden sein", schreibt Dirk von Lowtzow im aufwändigen Katalog. Nicht zuletzt ist dieser Text Hinweis auf Methode der 40-jährigen, in Mombasa geborenen Kölnerin, in ihre materialreichen, nahtlos zwischen Yves Saint-Laurent und den Simpsons, Lewis Carroll und Smiley oszillierenden Assoziationen, Freunde und deren Werk einzubauen - Lowtzow ist Mitglied der Kultband "Tocotronic", die ein zur Schau gehörendes "herbst"-Konzert gab.

Ein Freund von Opulenz ist auch der Grazer Alleskönner Werner Stadler, am besten aber immer dann, wenn er seine Mittel reduziert. "Das Laokoon-Projekt" ist ein ebenfalls stark assoziatives Unternehmen in Bild und Skulptur, ergänzt durch ein Video von Peter R. Koch und Musik von Armin Pokorn. Im Gedächtnis bleibt eine starke Serie kleinformatiger Bilder, inspiriert von den Körpern einer Glyptothek.

Kontrastprogramm dazu ist "Rechteckakzeptanz", eine vom bildenden Künstler Georg Salner - "Ich bin kein Kurator!" - zusammengestellte Präsentation mehr oder weniger konstruktivistischer Bildkonzepte. Unter anderem von Eva Bodnar, Jakob Gasteiger, Peter Kogler, Walter Obholzer, Rudi Stanzel und Heimo Zobernig.

Reduktion prägt auch "favorites", ein weiteres künstlerbetreutes Ausstellungsprojekt. Eva Schlegel hat acht Kolleginnen (und im Duo Muntean/Rosenblum auch einen Kollegen) eingeladen, Ideen für Editionen beizusteuern. Die zwischen gekonnt trockenem Witz (Monica Bonvicinis grafische Abhandlungen zum "männlichen" Thema "Würfel") und intelligenter Oberflächenästhetik (Schlegels eigene Serie fotografisch in Richtung Skulptur verfremdete Fotografien) realisiert wurden.

Intelligente Oberflächen, Kunst als disparates Medium nicht der Analyse, sondern des spielerischen Reagierens auf unterschiedlichste Reize - das findet man auch in den Gemälden und Fotografien von Michael Krebber und Josephine Pryde. Wie bei der szenenverwandten Cosima von Bonin entfalten sich Krebbers und Prydes Arbeiten an jenem schmalen Grat von Bedeutsamkeit und Banalität, wie ihn Martin Kippenberger so souverän beschritt.

Als "herbst"-Weltmeister in die

ser Sparte freilich entpuppen sich die "Dilettanten" eines von Orhan Kipcak konzipierten Mehrspartenprojekts. Timm Ulrichs, deutscher Konzeptkünstler ohne Furcht vor Komik, Wolfgang Müller und das Kollektiv Monochrom laden in ein buntes Ambiente aus Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Ulrichs entwirft mit aus Fundzentralen entlehnten Fundgegenständen ein gesellschaftliches Porträt, so realistisch wie bizarr. Monochrom tun das mit einem Witz, dessen Absurdität erst die Wirklichkeit dahinter erkennbar macht. Ein köstliches, absolut sinnvolles Nonsense-Kabinett. Warnung: Wer folgenden Einkaufszettel nicht komisch findet, hat freilich nicht viel zu lachen im Dilettanten-Paradies: "Eier Zucker Vollkornbrot QualityLine-Taschentücher Südtirol nicht vergessen".

Herwig Tollschein. Stadtmuseum, Graz, Sackstraße 18. Bis 20. November.

Cosima von Bonin. Künstlerhaus Graz, Burgring. Bis 1. Dezember.

Werner Stadler. Werkstadt Graz, Sporgasse 16, Workshop Graz, Färbergasse 3.
Bis 15. November.

Rechteckakzeptanz. Galerie Schafschetzy, Graz, Färbergasse. Bis 24. November.

favorites. Galerie & Edition Artelier, Graz, Glockenspielplatz 4. Bis Mitte Dezember.

Michael Krebber, Josephine Pryde. Galerie Blech-Rossi. Graz, Bürgergasse 4.
Bis 20. Dezember.

Dilettanten. Forum Stadtpark Graz.
Bis 24. November. Umfangreiches Rahmenprogramm: http://forum.mur.at/dilettanten

Walter Titz

erschienen in:
Kleine Zeitung, 30.10.2002   www.kleinezeitung.at