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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Orphiade zwischen Insektenbeinen
Die neue Kulturhauptstadt Graz stellt sich vor mit Beat Furrers Musiktheater "Begehren"


Wahrscheinlich ist die weltweite TV-Ausstrahlung des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker das wirksamste Aushängeschild des Kulturlandes Österreich. Und überaus geschickt daher, die Pause dieser Fernseh-Matinee zur bilderseligen Annonce der Kulturhauptstadt Graz 2003 zu nutzen. Freundliche und sogar illustre Würdigkeiten (etwa Schloss Eggenberg am westlichen Stadtrand) bietet die steirische Metropole am Rand des Balkans. Mit dem Steirischen Herbst beherbergt sie zudem eines der avanciertesten Festivals von Europa. Der veranstaltende "Herbst" beanspruchte jetzt ausnahmsweise auch noch einen Jahresanfang im Zeichen der Kulturhaupstadt-Aktivitäten. Die jahreszeitliche Verirrung honorierte der Winter grimmig mit einem horrenden Schneeeinbruch. Das machte die Fahrt (erst recht den Gang) zur peripher situierten Helmut-List-Halle mühsam. Unweit eines weitläufigen Bahnkörpers und flankiert von Industrie- und Gewerbeödnis wirkt dieses neue Domizil des Steirischen Herbstes nicht gerade als wärmendes Herzstück einer urbanen Festkultur. Vielleicht ist der Sicherheitsabstand zu den Grazer Barockliebreizen aber auch Programm. Bei näherer Bekanntschaft erweist sich die Halle jedenfalls als Gewinn. Namenspatron und Mäzen List, erfolgreicher Grazer Motor- und Messsystembauer, stellte sie dem Steirischen Herbst für einstweilen zwöf Jahre zur Verfügung. Architekt Markus Pernthaler hatte akustische Profi-Ratschläge unter anderem von Nikolaus Harnoncourt zu berücksichtigen. Mit Wänden aus Massivholz, einer schwingend abgehängten Decke und variabel den Nachhall regulierenden Flächenelementen wird nun anspruchsvollsten Hörverhältnissen Genüge getan. Optisch präsentiert sich das hohe Raumrechteck (44 mal 31 Meter) bei breitseitiger Sitzaufstellung und entsprechend panoramatischer Perspektive als deutliche Alternative zu Guckkasten-Gegebenheiten. Beim Entfernen der rund 1000 Sessel lassen sich mittlere Popveranstaltungen für doppelt so viele Steher arrangieren. Im Vorfeld der Kulturhauptstadt-Planungen gab es natürlich manche Rencontres mit vergrätzten Kunst-Platzhirschen, was nicht zuletzt von Selbstbewusstsein und Eifer der regionalen Szene zeugt. Die Kulturhauptstadt-Turbulenz dient freilich den weitsichtigeren Initiatoren dazu, den traditionell südosteuropäisch ausgerichteten Blickpunkt hier gesamteuropäisch neu zu justieren. So galt die Eröffnungspremiere in der Helmut-List-Halle keinem einheimischen Musikmatador, sondern dem Musiktheaterstück Begehren des aus Vorarlberg stammenden Beat Furrer. Konzertant war das Werk bereits vor knapp zwei Jahren in Graz erklungen. Die szenische Uraufführung mobilisierte ein ebenso aufgeschlossenes wie aufgekratztes Honoratiorenpublikum, dem keinerlei Berührungsangst mit neuester Musik anzumerken war. Felix Austria. Die wohletablierte Einrichtung des Steirischen Herbstes hat offenbar guten Boden bereitet. Begehren ist eine Orphiade nach Texten von Ovid, Vergil, Hermann Broch, Cesare Pavese und Günter Eich. Narrativer oder dramatischer Handlungstransfer tritt zurück gegenüber der Suggestion einer kollektiven Klang- und Bewegungsstudie. Der chorische Anteil ist stark, solistische Szenen bleiben rudimentär. Das Paar (namenlos als Er und Sie markiert) ist schon dadurch voneinander isoliert, dass es sich nicht zum Duett zusammenfügt: Sie ist Sopranistin (Petra Hoffmann), Er Rezitator (Johann Leutgeb). Furrers eigenartige Tonsprache (vergleichbar am ehesten vielleicht der von Salvatore Sciarrino) ist einerseits geprägt von nervös wispernden, jagenden, verhetzten Klangfiguren, andererseits von minuziös ausgehörten Ruhestrecken mit vereinzelten und zumeist zarten Signaltupfern oder Geräuschbändern. Schattenhaft geschwindes Vorüberhuschen und stillgestellte, nur mehr unmerklich skandierte Zeit verkörpern die Extremzustände, in denen sich Furrers Musikalität artikuliert - abseits gewohnter Geläufigkeiten, im Verfolg eines dezidierten Personalstils, der im umfassendsten Sinne als "manieristisch" zu charakterisieren wäre. Auf schwer greifbare Weise mutet diese Musik aus sich heraus bildhaft und "theatralisch" an. Sie bedarf nicht unbedingt der ausdrücklichen Visualisierung. Dennoch war der Part der Regisseurin Reinhild Hoffmann nicht irrelevant. Die mit unkonventionellem Musiktheater erfahrene Szenografin reagierte mit großer Sensibilität auf Furrers Vorgaben und realisierte eine kongeniale Bühnenaktion, gestützt auf knapp 30 Darsteller - etwa zur Hälfte Sänger (Vokalensemble NOVA) und Tänzer. Diese Kollektive wurden mit choregrafischer Akribie bald blockhaft zusammengeführt, bald in Kleingruppen oder Einzelpersonen aufgelöst. Es entstand eine ritualhafte Bühnentextur, asketisch und durchweg wie eine mönchische Bußübung auch durch den Verzicht auf farbige Kostümakzente (Anna Eiermann). Das zunächst ebene Aktionspodest (Bühnenbild: Zaha Hadid, Patrik Schumacher, Ricio Paz) verlor bald seine schlichte Simplizität durch lautlos aufbaufähige Stegteile, die sich gelegentlich auch zu gliederfüßigen Großplastiken aufreckten, gleichsam Monumental-Insektenbeinen, korrespondierend mit dem insektenhaft Schwirrenden, Kratzigen, Beißenden der Furrerschen Musik. Mit der Textverständlichkeit (sie wäre durch Projektion allenfalls herstellbar gewesen) konnte man die grundierende Orpheusgeschichte schier vergessen. Sie war, wenn auch nicht verdünnt, so doch abstrahiert zu einem faszinierend rätselhaften Gesamtkunstwerk-Exerzitium. In der optimalen Helmut-List-Akustik gelangen auch dem dirigierenden Beat Furrer und den 15 Instrumentalisten des ensemble recherche eine in leisesten Abtönungen sublim exzellierende Musikwiedergabe. Die Ruhr-Triennale als Koproduzent wird diese Novität nach Deutschland bringen.

Hans-Klaus Jungheinrich

erschienen in:
Frankfurter Rundschau, 13.01.2003   www.fr-aktuell.de