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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Polareis
Mit der szenischen Uraufführung von Beat Furrers „Begehren“ wurde Graz 2003 mutig und erfolgreich eröffnet.


Da setzt Intendant Wolfgang Lorenz zur Eröffnung von Graz 2003 ausgerechnet Beat Furrers Oper „Begehren“ als Eröffnungspremiere an – ein sperriges Ding, mit dem sich nichts feiern lässt, schon gar nicht die feinen Damen und Herren im Parkett. Da stammelt Johann Leutgeb als Orpheus „Erwachen in den Tag so wie du“ ins Mikro – Ton- und Textkrümel, die sich nie werden nachpfeifen lassen. Kein süßes Arioso, kein gehauchtes „Addio!“, kein Füllhorn des Wohlklangs – geht denn das? Es geht. Lorenz, der rotzig-sture Kopf der Grazer Kulturmaschine, hat alle Puccinis dieser Welt einfach vom Tisch gefegt und letzte Woche seine Hand für einen Neutöner ins Eröffnungsfeuer gelegt: Nach 90 Minuten folgte in der neuen, akustisch formidablen Helmut List Halle gefälliger Applaus. Graz 2003, so die Botschaft, meint es ernst mit der Kunst. Beat Furrer, der gebürtige Schweizer, ist kein Mitläufer der Avantgarde, kein Falschmünzer, kein Blender. Seine Kunst ist auf Selbstvertrauen gebaut: „Wenn man panisch wird, man könne seinen Lebensunterhalt nicht verdienen“, sagte der heute 48-Jährige zu Beginn seiner Karriere, „dann hat man bereits verloren. Man braucht Unbekümmertheit.“ Also trieb der Gründer des Klangforums seinen Opern jede Handlung aus. „Begehren“, ausgerechnet seine Vertonung der mythischen Liebe von Orpheus und Eurydike, bleibt kalt wie Polareis. Es ist Furrer nicht ums Glück zu tun. Es geht ihm um die Einsamkeit. Schon in der ersten Szene werden Orpheus und Eurydike voneinander getrennt. Ein Sturm aus Tonpartikeln hebt an und treibt den Mythos grandios vor sich her. Das Orchester bricht in sich zusammen: Eurydikes überirdisch reiner Sopran (Petra Hoffmann) hebt an. Bariton Johan Leutgeb flüstert die Textpassagen von Ovid, Vergil & Co – Orpheus, der Barde, ist am Ende. Er stottert nur noch. Er singt nicht mehr. Doch auch wenn Zaha Hadids so schlichtes wie raffiniertes Bühnenbild Mythos und Moderne gekonnt zusammenschweißt, wenn Choreografin Reinhild Hoffmann dem Spiel mit lässlich modernem Tanz einen roten Faden einzuweben versucht – der Abend packt das Publikum nur selten da, wo er es packen will: beim Herz. Am stärksten ist Furrer, wenn er dem Chor zu seinem Recht verhilft. In ihm und einem virtuosen Umgang mit Stimmen hat er sein eigentliches Instrumentarium gefunden. Ein gewiefter Dramatiker mit großer Theaterpranke allerdings ist Beat Furrer nicht. Aber schließlich will er das ja auch nicht sein.

Peter Schneeberger

erschienen in:
profil, 3/2003   www.profil.at