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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Kein Festival für Skandalgourmands
Bilanz "steirischer herbst": Man beschränkte sich auf "Kernkompetenzen". Das gelang nicht immer, aber immer wieder sehr überzeugend.


Eine der wichtigsten Produktionen des "steirischen herbst 2002" steht zwar noch aus: Beat Furrers Musiktheater "Begehren" unter der Regie von Reinhild Hofmann und im Bühnenbild von Zaha Hadid - mit ihr werden am 9. Jänner 2003 das Kulturhauptstadtjahr und die Helmut-List-Halle eröffnet werden. Aber dem Kalender nach endet der "herbst" an diesem Wochenende.

Zum Bedauern mancher hat Intendant Peter Oswald heuer weder für Straßenspektakel gesorgt noch die ewig hungrigen Skandalgourmands bedient. Der "steirische herbst" konzentrierte sich auf seine Kernkompetenz: Kunst der Gegenwart in ihrem sozialen Umfeld.

Das ist eine durchaus zeitgemäße Haltung im globalen Kulturbetrieb. Okwui Enwezors "documenta 11" geriet nicht zuletzt deshalb ins Kreuzfeuer der Aufregungsfanatiker, erntete aber aus den gleichen Gründen beträchtliches Lob. Und - paradox, paradox - triumphierte als Anti-Event auch quotenmäßig: 630.000, mehr Besucher als je zuvor, kamen nach Kassel.

Hier unsere "herbst"-Bilanz:

Theater & Literatur. Eine kammerspielartige Uraufführung (Kathrin Rögglas "fake reports"), eine österreichische Erstaufführung (Elfriede Jelineks "Prinzessinnendramen"), eine entbehrliche "Neufassung" von Josef Winklers "Tintentod" - für einen "herbst", dessen spektakuläres Aushängeschild immer wieder das experimentelle Sprechtheater war, ein matter Existenzbeweis. Daran ändert die exzellente Jelinek-Umsetzung wenig. Hochambitioniert, hochkarätig besetzt die Sprachexpeditionen, allein, folgen wollten ihnen nur wenige. Lesungs- und Referatsrituale vulgo Symposien sind Auslaufmodelle - anachronistische "Fremdkörper" mithin. Thema getroffen, Publikum verfehlt. Keinesfalls nur eine "herbst"-Misere.

Musik. Mit Salvatore Sciarrinos "Macbeth" bot der "herbst" nicht nur hochklassiges modernes Musiktheater, sondern auch den Beweis dafür, dass Uraufführungen zwar wichtig, aber Zweitaufführungen nicht minder bedeutend sind. Dieser "Macbeth" entstand als internationale Koproduktion, wobei Graz die Genugtuung hatte, mit dem Wiener Klangforum ein Ensemble aufzubieten, das dem der Schwetzinger Uraufführung erheblich überlegen war. Das Klangforum sorgte neben dem Freiburger "ensemble recherche" auch für Höhepunkte des "musikprotokolls", das aber mit seiner Ausrichtung auf Laptop-Künstler einen Weg beschritt, der ihm medial internationales Desinteresse bescherte.

Architektur & bildende Kunst. "Latente Utopien", Zaha Hadids und Patrik Schumachers Inszenierung von "Experimenten der Gegenwartsarchitektur", verlängert den "herbst" bis März 2003 und ist zweifellos attraktives Raumerlebnis. Der Blick in die Zukunft, den die Schau verspricht, ist insofern hoch interessant, als er vieles sichtet, das in der Vergangenheit der 60er- und 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts wurzelt.

Die bildende Kunst zeigte sich weniger in "großer" Gestalt denn als buntes, durchwegs qualitätsvolles Mosaik. Dreißig Präsentationen zeigen Kunst in ganzer Bandbreite. Von Wolfgang Buchners interdisziplinären Grenzgängen im Stadtmuseum über Si Pin Changs subtile Erforschungen menschlicher Erinnerung in der Galerie Centrum, die "5 Positionen steirischer KünstlerInnen", die bei Kunst & Handel jeweils markant von Jack Bauer, Peter Dunkl, Sigi Faschingbauer, Ingrid Moschik und Kurt Ryslavy besetzt werden, Zilla Leuteneggers witzig-verspielte Multimedien-Kunst bei Eugen Lendl, Eugen Heins pure Malerei im Joanneum-Ecksaal und die Erkundungen real existierender Grenzen sowie des vermeintlich Fremden in den Beiträgen der alternativen Kunst-Werker von RHIZOM und ESC bis zu Mark Wallingers und Boris Mikhailovs gewichtigen Personalen in den Minoriten-Galerien - bildende Kunst durch

dringt den Stadtraum, ohne ihn brachial zu besetzen.

"herbst"-Halle. Fast logisch, wenn das spektakulärste "herbst"-Projekt in großer Stille stattfindet: die von Markus Pernthaler geplante Helmut-List-Halle, die kurz vor ihrer Fertigstellung steht. Sie soll ein erlesenes Haus für - vor allem - musikalische Darbietungen werden. Die AVL-List AG als privater Geldgeber und der "steirische herbst" als Einrichter, Langzeitmieter und Betreiber haben Großes zur Entstehung des Hauses in der Grazer Waagner-Biro-Straße beigetragen. Mit der Halle wird die Steiermark einen der modernsten Spielorte Europas besitzen.

Sie sehen, wahre "herbst"-Ereignisse finden auch jenseits allgemeiner Erregungsschwelle statt und können noch dazu sehr nachhaltig sein.

Die Kulturredaktion

erschienen in:
Kleine Zeitung, 22.11.2002   www.kleinezeitung.at