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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Fremde Körper da und Termiten im Tunnel dort


Gemäß dem "herbst"-Motto "Fremdkörper" stößt man auch im Bereich der aktuellen bildenden Kunst (sofern diese nicht ohnedies als "Fremdkörper" empfunden wird) auf vielfältige Auseinandersetzungen zu Themen des Fremden, der Identität, der Grenzen und Ausgrenzungen.

Das "Balkan Konsulat" präsentiert sich in diesem Zusammenhang als die Kunstszene Belgrads. Als erste eines nach wie vor mit unterschiedlichsten Ressentiments belegten Binnenkontinents - der derzeit in der Grazer Neuen Galerie eindrucksvoll in aller Vielfalt als "Balkania" Gestalt angenommen hat.

Kurator Stevan Vukovic zeigt mittels neun exemplarischer Positionen die Vielfalt künstlerischer Arbeit in der serbischen Metropole auf. Er konfrontiert mit dem ideologiekritischen Witz eines Rasa Todosijevic ebenso wie mit Zsolt Kovac‘ (selbst)ironischen Rollenspielen - und zeigt so gleich Generationsunterschiede auf. Dem kräftigen Symbolismus des Ersten stellt der Zweite Kunst als System entgegen, welches eher private denn gesellschaftliche Relevanz hat. "Malen und das Betrachten von Malerei", behauptet der auch als Popmusiker tätige Kovac, "fördert übernatürliche Kräfte". Die Bilder zur Behauptung: Künstler und Kunstbetrachter, fotografiert im Sprung aus dem Stand.

Gleich nebenan, in einem alten Lagergebäude, lautet die Devise auf mehreren Stockwerken "Enactments of the Self/Inszenierungen des Selbst". Maia Damianovic aus London vereint Projekte von 17 Künstlern und Künstlergruppen zu einem fasettenreichen, vielfach gebrochenen Bild menschlicher Selbstverwirklichungen. Brenda Fassie, Pop-Diva aus Südafrika, führte schon im Rahmen der Eröffnung des "steirischen herbst" vor, wie auch unter schwierigsten Bedingungen starke Identitäten entwickelt werden können (wir berichteten).

Wichtig war Damianovic in jedem Fall der Aspekt der Wirkung von Selbstinszenierungen über das Selbst hinaus. In einer Projektion der Dänen Gitte Villesen und Erik Frank kommt "Solveig" (so heißt die Arbeit auch) zu Wort - ein pensionierter Manager und Vater von drei Töchtern, der sich mit 62 Jahren zur Änderung seines Geschlechts entschloss. Gitte Villesen: "Zuerst versuchte er es als ,Teilzeitfrau‘, das funktionierte aber überhaupt nicht." Erst der Rollenwechsel mit allen Konsequenzen milderte zahlreiche Diskriminierungen. Heuer gründete Solveig - die übrigens erstmals mit einem neuen "weiblichen" Pass, dessen Ausstellung schwierige bürokratische Prozesse vorangingen, nach Graz anreiste - transdanmark.dk. Eine Transsexuellenorganisation, die sich um die Vermittlung zwischen "Fremdkörpern" und ihren vermeintlich normalen "Mitkörpern" bemüht.

Durch das Ausstellungsgebäude und aus ihm hinaus führt "Der Tunnel", eine Arbeit des New Yorkers Ward Shelley. Aus Holz und Metall gebaut, ermöglicht die enge, sich nur an manchen Stellen weitende Konstruktion ihren Bewohnern - "Termiten" genannt - mühevolles Kriechen - das der Besucher über Videokameras verfolgen kann. Keine sonderlich subtile, gleichwohl aber beeindruckende Metapher für reale Verhältnisse auf diesem Globus.

Über den Ausstellungsraum hinaus gehen unter anderem "Enactments" von Radio Helsinki, Kendell Geers, Carolina Caycedo, Barbara Holub, Simparch, Lygia Pape und Erwin Wurm. Die "Enactments Stage" bietet als eine Art Probebühne zahlreiche Möglichkeiten, aus der bloßen Konsumentenrolle zu schlüpfen, hinein in "Fremdkörper". Die man womöglich als vertraut empfindet. Details vor Ort.

Balkan Konsulat. <rotor\>, Graz, Belgiergasse 8/I. Bis 21. Dezember.

Enactments of the Self. Graz, Belgiergasse 8a. Bis 24. November.

Walter Titz

erschienen in:
Kleine Zeitung   www.kleinezeitung.at