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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Sexismus drin wo Sicherheit drauf steht?
Die New Yorker "Surveillance Camera Player" thematisieren die von Überwachungskameras ausgehenden Gefahren - auf Einladung des ESC in Graz und mit dieStandard.at im Gespräch


Großbritannien ist das "best ausgestattete" Land der Erde und hat 600 000 über das ganze Land verteilt, Gesichtserkennungs-Software inklusive. Graz hat neben seinem Prestige-Objekt am Hauptplatz mittlerweile an die 40, wobei sich das Verhältnis zwischen Polizei- und privatbetriebenen ungefähr die Waage hält. Die Rede ist hier von Überwachungskameras.

Die öffentliche Meinung zu Überwachungskameras ist geteilt. Die einen feiern sie als die ultimative Sicherheitsgewährleistung, die anderen fühlen sich in ihrer Privatsphäre gestört und prophezeien die "Überwachungsgesellschaft".

Das ESC im labor hat die New Yorker AktivistInnen-Gruppe "Surveillance Camera Player" im Rahmen ihres "Please Identify"-Schwerpunkts nach Graz eingeladen, eine Stadt, deren jüngere Geschichte massiv mit genau diesem Thema in Verbindung steht. Ziert doch ein millionenschweres Objekt der Diskussion den Grazer Hauptplatz, um - laut Auskunft der Stadt - Großveranstaltungen, wie die eines Jörg Haiders, vor permanenten Zwischenrufen und oppositionellem Aktivismus zu beschützen.

Bill Brown und Sean Kerby von SCA New York haben einiges an Erfahrung und Ideen mit nach Österreich gebracht. "Wir machen Theater im öffentlichen Raum und bespielen die Kameras mit selbstgeschriebenen Stücken. Wie zum Beispiel mit einer Adaption von Orwells 1984."

Von der Situation in Graz sind sie nur bedingt überrascht. Anders als in den USA und Großbritannien steht die Ausstattung des öffentlichen Raums mit Überwachungskameras noch ganz am Anfang. "Ich denke, ihr könnt hier noch viel verhindern. In England fehlt den Leuten mittlerweile schon die Kraft und Hoffnung, noch etwas tun zu können."

Die zwei New Yorker haben während ihres Aufenthaltes die Grazer Innenstadt genau nach Kameras untersucht und einen neuen Stadtplan mit deren Aufenthaltsorten erstellt. Im Rahmen von Stadtspaziergängen und Kamera-Performances informieren die zwei die Grazer Bevölkerung. "Uns sollen diese Kameras als Sicherheitsfaktor verkauft werden. Verbrechen, die im öffentlichen Raum passieren, sind aber zumeist Gelegenheitsdelikte. Die Kameras sind aber nirgends gekennzeichnet. Wieso sollten sie dann jemanden davor abschrecken? Und wenn der Grazer Hauptplatz - zum Beispiel - wirklich so gefährlich ist, wieso stellt man dann nicht einen Polizisten hierher, der im Falle des Falles helfen kann? Sondern eine Kamera, die bestenfalls das ganze im Hintergrund aufzeichnet?"

Wie schaut das im Kontext der Sicherheit von Frauen aus? Feministinnen haben immer wieder in der Vergangenheit Überwachungskameras und so einsichtige Plätze wie möglich gefordert ...

Bill Brown: "In Wirklichkeit reproduziert die Kamera die patriarchalen Machtverhältnisse. Die Frauen sind nicht mehr für sich selbst und untereinander verantwortlich, sondern der Mann hinter der Linse. Der sie gegen den Angreifer beschützen soll, Mann gegen Mann also. Und es gibt noch einen anderen Faktor, der hier sehr wichtig ist. Untersuchungen haben ergeben, dass Männer, die in ihrem Job Zugang zum Internet haben, 17 Prozent ihrer Zeit mit dem Besuch pornographischer Seiten verbringen. Wenn diese Zahlen stimmen, dann kann man das auch auf die Männer hinter den Kameras umlegen. Auch wenn der Verkauf von Überwachungsfilmen verboten ist, gibt es in England eine TV-Show, die genau so etwas zeigt. Videos aus Umkleidekabinen mit dem Zoom auf den Ausschnitt und so weiter."

Der Fokus der Kameras läge neben der erotischen Betrachtung von Frauen und Kindern auch im Voyeurismus in Bezug auf sogenannte Randgruppen. Händchenhaltende lesbische Frauen, schmusende Punks und im Freien sich dem Geschlechtsverkehr hingebende Jugendliche sollen die Renner am Markt sein.

erschienen in:
Die Standard, 04.11.2002   http://diestandard.at