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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Schlingen der Zukunft
Wo ist sie nur, die Utopie? In Graz begeben sich Architekten und Künstler auf die Suche


Eine milde Stadt, von der Herbstsonne durchleuchtet. Ein barockes Gassengewirr, bewahrt und bewahrend. Häuser, die uns anschauen mit freundlichem Gesicht. In Graz sind Geschichte und Gegenwart keine Feinde, denkt der Flaneur. Alles ist aufgehoben in Beschaulichkeit, sogar die Wirrköpfe der Kunst dürfen knallen, wirbeln und krakeelen, ganz selbstverständlich sind sie aufgehoben in Grazer Lieblichkeit. Besonders eigentümlich vermengen sich Provinz und Weltgeist im Steirischen Herbst, dem alljährlichen Theater-, Musik- und Kunstfestival, das bekannt ist für theoriedampfende Spektakel und rauschenden Tiefsinn. Stets widmet sich der Kulturreigen einem Leitthema, diesmal den Fremdkörpern. Und vor allem bei den Architekten erblickt man es auch, das Fremde und Körperliche. Viele junge Späher sind im Landesmuseum versammelt, eine mit Computern hochgerüstete Bauelite, die unsere Gegenwart überwinden möchte: Mitten im sanften Städtchen Graz soll sich schrille Zukunft zeigen. Gefahndet wird nach Utopie.

Ein lustvolles Panorama des Unbaubaren breitet sich da aus, das wirre Labor von Grundlagenforschern, die wogende, quellende, sich bauschende Formen erfinden. Manchmal stehen auch strenge Wunderkisten aus Sperrholz herum, durch die wir uns hindurchzwängen dürfen. Dannn tauchen wir hinein in eine Dunkelkammer, wo tausend neongrüne Kompassnadeln sich im wilden Tanze drehen, von Magnetfeldern getrieben. Auch normale Modelle und Zeichnungen gibt's zu sehen, doch anders als in gewöhnlichen Bauausstellungen soll hier der Betrachter nicht nur betrachten: Er soll Raum-Erfahrer sein, soll tasten, spüren, die Architektur greifend begreifen. Und er darf staunen. Selten nur sieht man so viel Wagemut versammelt, selten nur spielen Architekten so enthemmt und wirklichkeitsfern. Wer den Parcours durchläuft, fühlt sich wie auf einer Modenschau, bewundert das Frivole, das Exzentrische, Ungeahnte - und ist zugleich froh, dass er nichts davon tragen muss. In dem einen Saal begegnen ihm baumelnde Luftkissen, im nächsten will ihn ein übermächtiger Edelstahlkeil in die Ecke drängeln, schließlich steht er vor Wänden, die mit schwarzem Gummi ausgeschlagen sind, mit einer Haut, unter der es atmet und prustet, sodass sich Blasen bilden, Wülste, Beulen. Ist das die gesuchte Utopie? Eine gut gepolsterte Überlebenszelle?

Zumindest träumen erstaunlich viele Architekten von weichen und anschmiegsamen Baugebilden, von Häusern, die zu strömen scheinen. Auch Zaha Hadid und Patrik Schumacher, Kuratoren der Ausstellung, begeistern sich für die fließenden Übergänge. Eine Wohnwand haben sie entworfen, aufgebaut aus vielen Schichten, die sich schlängeln und winden, die hier eine Bettnische freigeben und dort eine Mulde fürs Waschbecken bilden. Nichts soll vorherbestimmt sein in dieser Architektur, sie will den Bewohnern keinen Lebensgrundriss vorschreiben - freie Formen für befreite Menschen.

Häuser fürs unbestimmte Morgen

In vielen Projekten entdeckt man diesen Traum vom flexibilisierten Menschen, der nicht in geschlossenen Räumen lebt, sondern in Hüllen, für jede Veränderung offen. Offenheit sei die große Stärke dieser Schwebebauten, meinen Hadid und Schumacher, man könne die Zukunft nicht länger in statische Modelle gießen. Häuser von morgen müssten unbestimmt sein, anpassungsfähig - nur so könne sich eine andere, vielleicht eine utopische Welt einnisten.

Es ist dieses Vielleicht, das ihr Verhältnis zur Architektur prägt: Vielleicht sind Formen doch mehr als Formen. Vielleicht treibt eine neue Ästhetik auch eine ethische Verwandlung voran. Von der Gesellschaft allerdings, von Menschen, ist in der Ausstellung nur wenig zu sehen. Zu sehr wähnen sich Hadid und Schumacher als Avantgarde, als Vorreiter, denen das Publikum zu folgen habe. Zu sehr hängen sie der Fortschrittsidee der alten Moderne an, auch wenn diese eingehüllt wird in systemtheoretische Gedankenschleier. Unbekümmert vertrauen sie und viele ihrer Kollegen den Wundern der Technik: "Die Revolution kann beginnen, sobald die Fabrikationsmöglichkeiten es ermöglichen", lesen wir in einem der Ausstellungssäle. Was so angenehm leichtfertig und spielerisch daherkommt, folgt also im Kern einer Ideologie. Hinter der Tüftelei, hinterm Zukunftsschlingschlang verbirgt sich der Traum eines maschinisierten Glücks. Die Architektur, wenn sie technisch avanciert genug ist, wird den Menschen mit sich selbst versöhnen - so wird es von vielen Projekten in Graz verheißen. Häuser sollen entstehen, die sich uns anverwandeln, die mit Sensoren das Bedürfnis nach Licht, Wärme oder Erfrischung erspüren, die uns mütterlich umschmeicheln. Wir treten ein in eine Welt, die uns kennt, der wir nicht länger fremd sind, ein Paradies, in dem alles mit jedem verbunden ist. Wohl nicht zufällig beschwört einer der Architekten, Greg Lynn, das Numinose seiner Blasenbauten.

Viel weltlicher, weit schrundiger geht es in Graz bei den Künstlern zu, die seit voriger Woche unter dem Titel Enactments of the Self zu sehen sind. Auch dies ist eine Art Architekturausstellung, doch eine, die Zukunft in der Gegenwart sucht. Ein Tunnel, zusammengezimmert aus Latten und Pappkartons, windet sich durch die leere Hinterhoffabrik, streckt sich waghalsig von einem Gebäude zum nächsten, kriecht die Fassade empor, unter der Decke entlang. Im Inneren des Endloswesens rumort und rumpelt es, das Gebilde ist eine Dauerbaustelle, bewohnt vom Künstler Ward Shelley. Er will sie nicht verlassen, solange die Ausstellung läuft. Für ihn ist dies sein Flucht- und Zufluchtstunnel, hier erprobt er architektonisches Schmarotzertum, Wohnen im Ungewohnten. Anders als die bauenden Computerbildner, die nur an ästhetischem Neuland interessiert sind, betreibt er Kunst mit Leib und Leben.

Viele der Künstler verfolgen ähnliche Fragen wie Hadid und Schumacher. In beiden Ausstellungen ist die Rede vom "performativen Ansatz", davon, dass man dem Besucher kein abgeschlossenes Werk vorsetzen will. Er soll es sich aneignen und in dieser Aneignung verändern. Doch nur wenige Architekten meinen es ernst mit dieser Einladung, allzu sehr sind sie in ihren Formverschlingungen gefangen. Die Künstler hingegen öffnen sich dem Unvorhersehbaren, Barbara Holub etwa bittet zum Gespräch in ein künstliches Gärtchen. Auf der Fabriketage hat sie Rollrasen ausgelegt, eine Schaukel und einen Gartenzaun aufgestellt, dann ist sie losgezogen, hat Menschen auf der Straße angesprochen, die nun kommen, um sich auf der Gartenbühne mit einem Fremden zu unterhalten. Als Erstes sprechen eine Unternehmensberaterin und ein Gefängnisdirektor miteinander. Ob dabei etwas entsteht, ob sie den Zaun niederreißen, den Rasen aufrollen? Die Künstlerin weiß es nicht, sie kann nur vertrauen. Vielleicht ergibt sich ein Gespräch über Zäune, über Grenzen, die wir brauchen, über Grenzen, die wir fürchten. Vielleicht auch nicht.

Natürlich schillert das Projekt nicht so verlockend wie die Modelle der bauenden Kollegen. Und doch lauern hier die wahren Überraschungen. Anders als die Architekten will Holub der Gegenwart nicht nur eine neue Form überwerfen, sie delegiert den Kontrollverlust nicht an den Computer. Stattdessen hofft sie, dass eine neue Utopie im Alltäglichen ihren Anfang nehmen könnte. Sie träumt einen sozialen, keinen technischen Traum. Mit wenig ist sie zufrieden: damit, dass sich Fremde begegnen, dass sie Annäherung wagen. Dass aus dem Wenigen ein Größeres entsteht.

"Latente Utopien" bis 2. März 2003 im Landesmuseum Joanneum, der Katalog kostet 34,- €. "Enactments of the Self" bis 24. November in der Halle Enactments Stage, Katalog in Planung

Hanno Rauterberg

erschienen in:
Die Zeit, 31.10.2002   http://www.zeit.de