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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Der poetische Mythenhügel
Szenische Uraufführung von Beat Furrers "Begehren"


Graz - Eine musikalische Unterwelt wollen wir das nicht nennen, wohin uns Beat Furrer mit Begehren in der Helmut-List-Halle entführt. Aber eine ganz eigentümliche, bemerkenswert dunkle Welt ist es zweifellos, die man mit dem Schweizer Komponisten betritt. Und eine Entführung ist es auch. Eine durch Präzision und Konsequenz. Furrers Welt, unerbittlich hypersensibel, zwingt zu einer geschärften Wahrnehmung, zu einem quasi mikroskopischen Blick. Als streifte der Wind die Instrumente, als klopften die Töne an die Pforten der Stille, klingt das zuweilen. Furrer ist ein poetischer Minimalist, ein Asket der filigranen kleinen Bewegungen, der minimalsten Regungen, ein Schöpfer von "Orchesterhelden", die wie winzige Toninsekten wirken. Was Wunder - man nimmt plötzlich den eigenen Herzschlag wahr und achtet darauf, nicht zu laut zu atmen. Nur punktuell, in der ersten und dann auch in der achten Szene, geht es ruppiger zu, kommt ein wenig extrovertiertes Flair hinzu. Aber im Grunde dominiert an der Oberfläche quasi ereignishafte Ereignislosigkeit, durch die man als Hörer hindurchmuss - zu delikaten Mikroereignissen.

Ohne Töne

Unerbittlich ist Furrer auch im Festhalten am Sperrigen. Nur einmal, in der sechsten Szene, ergibt sich ein Ausbruch aus der geräuschorientierten Ästhetik. Da tönt der Chor plötzlich tonal und weckt Assoziationen an vorbarocke Vokalkunst. In seine Welt hat Furrer hier den guten alten Orpheus mitgenommen, doch ihm gewissermaßen die Stimme geraubt. Der Gesang ist der Figur abhanden gekommen. Sie flüstert, atmet, haucht sich entlang einer Geschichte, die sich der linearen Erzählstruktur verweigert. Furrer ist zwar in den alten Orpheus-Mythos eingetaucht. Aufgetaucht ist er allerdings wieder mit Textreflexionen anderer über diesen. So ist in der Form einer Montage eine Reflexion über die Mythos-Reflexion entstanden - ein musiktheatralischer Assoziationsraum in zehn Szenen zudem, der sich bei Ovid und Vergil bedient, aber auch Texte von Cesare Pavese, Hermann Broch und Günter Eich als Vorlage verwendet. Das langsame Fließen, das aus den kleinen Impulsen und komplexen Verwebungen entsteht, findet auch optisch-szenischen Ausdruck. Architektin Zaha Hadid hat als Spielfläche einen flexiblen Hügel entworfen, der Stege und Brücken freigibt, subtile Lichtspiele gestattet und zur abstrakt schönen Skulptur mutieren kann.

Er und sie

Auf ihm kriechen und krabbeln hilfsbedürftige Geschöpfe, ein seltsames Völkchen, das Regisseurin und Choreografin Reinhild Hoffmann sanft mit der Musik "mitatmen" lässt. In dieser Körperlandschaft Orpheus und Eurydike, die hier nur noch "er" (sehr konzentriert Johann Leutgeb) und "sie" (glänzend Petra Hoffmann) heißen. Eine Begegnung, ein Blick, eine Berührung - das alles findet nicht statt, nur ein kurzer Dialog. Im Grunde eine Variation über die vergebliche Suche nach dem Ich. Der reflektierend-grübelnde Orpheus liegt am Ende herum. Endstation Horizontale.

Noch Karten

Ein anspruchsvoller Auftakt für das Kulturhauptstadt-Jahr: Beat Furrer - auch über Videowalls zu beobachten - leitet selbst das glänzende ensemble recherche durch die heiklen Passagen seines offenen Kunstwerks, die neue Halle erwies sich als akustisch hilfreicher Raum. Und auch das Vokalensemble Nova unter Colin Mason hielt sich an das instrumentale Niveau. Es gibt noch etwas mehr als hundert Karten für diese Produktion des "steirischen herbstes". Wer Pech hat, kann im September zu Mortiers Ruhr-Triennale pilgern, wo man dem Begehren nachgibt.

Ljubisa Tosic

erschienen in:
Der Standard, 10.01.2003   www.derstandard.at