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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Saal hinterließ stärksten Eindruck
Der Saal erntete von der Kritik viel Lob, Furrers Werk wurde ambivalent bewertet.


Der Architekt Markus Pernthaler hat die ehemalige Fabrikshalle auf dem Waagner-Biro-Gelände hinter dem Hauptbahnhof umgebaut.

Musik profitierte vom Saal

Ein derart langer und hoher Saal, in dem noch die leisesten Töne über weite Distanzen hörbar sind, und das ohne störenden Nachhall, so einen Spielort findet man nur in wenigen Städten. Der größtenteils zarten, langsamen Musik von Beat Furrer kommt das enorm zugute.

Offen und flexibel

Gerhard R. Koch, Musikkritiker bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hob im Spontan-Interview nach der Aufführung noch eine andere Qualität des Raumes hervor: Er wirkt so flexibel und offen für verschiedene Raumkonzepte, wie man sich einen Schauplatz für zeitgenössisches Musiktheater wünscht.

"Diese Halle bietet die Möglichkeit zu einem wirklich multiperspektivischen Theater. Anders als etwas bei der Münchner Musiktheaterbiennale, wo letztlich dann doch immer die alte Guckkastenbühne den visuellen Rahmen vorgab, sind hier an verschiedenen Stellen des Raumes völlig unabhängig voneinander choreografische, solistische, chorische Aktionen möglich", so Koch.

Bühnenbild: Zaha Hadid

Bei "Begehren" wird eine Längsseite der Halle fast zur Gänze von einer hydraulisch bewegbaren Bühnenlandschaft eingenommen, die Zaha Hadid entworfen hat.

Anfangs liegt sie leicht wellig, fast flach da. Im Lauf der Aufführung öffnen sich dann Bodenelemente, breite Bänder werfen sich zu Brücken und Schleifen auf, immer zerklüfteter wird die Unterwelt, in der Opheus und Eurydike in Beat Furrers Stück einander verlieren. Zaha Hadids Bühnenoberfläche verhält sich wie eine dünne Decke, die aufbricht und die Sphäre der Vergangenheit und Erinnerung freigibt.

Trauma des Verlustes

In "Begehren" erinnert sich ein Mann daran, Orpheus gewesen zu sein, durchlebt nochmals das Trauma des Verlustes und nicht wiedergutzumachender Fehler. Die Choreografin Reinhild Hoffmann, deutsche Tanz-Erneuerin der 70er und 80er Jahre, hat das Geschehen in Hades als Chorszenerie toter Seelen inszeniert, die sich ständig ruhig fließend bewegen wie Wasserpflanzen und die Protagonisten umspielen.

Da entfalten sich interessante Kräfte-Wechselwirkungen zwischen den Individuen Orpheus und Eurydike und der sozialen Masse um sie herum, eben der Seelen-Schatten in der Unterwelt. Eine gewisse Stil-Patina vergangener Avantgarde haftet der Choreografie allerdings an.

Einsamkeits-Tristesse

Hans-Klaus Jungheinrich von der "Frankfurter Rundschau" zur Inszenierung: "Eine karge Chor-Etüde, die etwas geradezu Mönchisches hat, wie eine Buß-Übung. Ich finde auch die Verbindung zwischen der Musik und der Inszenierung, obwohl es sehr musikalisch inszeniert wurde, nicht unbedingt zwingend - für mich ist die Musik als solche auch schon Theatermusik genug."

Furrers Szenenfolge auf Dichtungsfragmente von Ovid bis Cesare Pavese bewegt sich nach einem recht dramatischen Beginn über lange Passagen nahe am Zerfallen, am Erstarren in Einsamkeits-Tristesse.

Lob für's Ensemble Recherche

Carsten Fastner vom Falter, der sich als ausgesprochener Furrer-Fan deklariert, war mit dieser Partitur nicht restlos glücklich. "Ich fand das sehr sehr gut, was er gemacht hat, aber so ganz gepackt hat's mich nicht, wie's mich bei anderen Werken von ihm schon gepackt hat - also mit diesem Sog hat es da nicht ganz geklappt. Trotzdem: Ganz toll aufgeführt - das Ensemble Recherche hat unglaublich gut gespielt."

Tipp:

"Begehren" von Beat Furrer in der Helmut-List-Halle in Graz.
Mit Petra Hoffman, Johann Leutgeb, dem Volkalensemble NOVA und dem Ensemble Recherche, Leitung: Beat Furrer.

  1. Weitere Aufführungen am 10., 11., 17. und 18. Jänner jeweils um 20.00 Uhr. Karten unter Graz 2003 oder an zahlreichen Vorverkaufsstellen in der Stadt. Infos unter Tel. 0316/2003.

erschienen in:
ORF on, 09.01.2003   ww.orf.at