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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Präparierte Dachse und andere Existenzen
Beim "steirischen herbst" lesen Ingo Schulze und weitere drei Autoren aus Ostdeutschland


Graz - Man sieht nur, die im Licht steh'n, mäkelte weiland Brecht an der Geschichtsschreibung und forderte die Historiografie des kleinen Mannes. Erfand also nebenbei etwas, das sich heute Kulturgeschichte des Alltags nennt. Ähnlich klingt es, wenn Ingo Schulze sagt: "Geschichten treffen Geschichte genauer." Sein Buch Simple Storys, dessen 29 Kapitel hinter die braunkohleverschmutzten Fassaden der thüringischen Stadt Altenburg leuchten, galt denn auch bei seinem Erscheinen 1998 vielen als "der lang ersehnte Wenderoman". Über 110.000-mal hat sich allein die Hardcover-Ausgabe verkauft. Merkwürdig an der Rezeption ist jedoch der fröhliche Ostalgie-Schleier, der Schulzes Blick in schöner Regelmäßigkeit bestätigt wurde. Zeichnen sich die Shortstorys doch vielmehr durch eine Grundstimmung aus, der falsche Trabi-Sentimentalität fern liegt: Ein permanentes Unbehagen dringt unter den Türritzen hindurch in die lieblos möblierten Wohnungen und Büros der verkrampft arbeitenden Altenburger. Nicht zufällig entstand ein Großteil der Simplen Storys in New York. Der amerikanische Blick, die Nüchternheit transatlantischer Short Stories wie auch ein filmisches Gespür für "suspense" und Verdunkelung legen eine Westästhetik über die Wahrnehmung der "ostdeutschen Provinz". Das Grauen liegt der geschilderten "Normalität" stets einbeschrieben. Wenn etwa die Tierpräparatorin Lydia von einer Unbekannten zu einer Unfallstelle gefahren wird, wo ein toter Dachs die fehlenden Bestände des verarmten Museums ergänzen soll. Wenn dieser Dachs nicht auffindbar ist, sich die Dame stattdessen das Knie blutig schlägt, sich mit ihrem Armband unter dem Sitz verheddert und ihre Befreiung körperliche Nähe erzwingt. Wenn Kapitel später von einer Frau die Rede ist, die an der Unfallstelle getötet wurde. Wenn Journalisten erwägen, sich vor Skinhead-Attacken mit einem Redaktionshund zu schützen. Wenn Autofahrer zu Verfolgern werden. Wenn einsame Männer Lokaljournalistinnen in ihre Wohnung bitten, sich an Berichten von fiktiven Vergewaltigungen delektieren. - So ist all das weniger eine Schilderung ostdeutscher Realität nach 1989 als vielmehr die Übersetzung eines stimmungsmäßigen Grundtons in einprägsame Bilder, die an David Lynch ebenso erinnern wie an Raymond Carver. Drei Jahre vor der Eroberung des US-Stils, 1995, hatte Ingo Schulze, der, 1962 in Dresden geboren, klassische Philologie studiert hat und anfangs als Dramaturg und Journalist arbeitete, "russisch" geschrieben. Sein Erstling 33 Augenblicke des Glücks näherte sich der St. Petersburger Gegenwart nach der Perestroika in dezidiert an russischen Autoren geschulter Manier. Döblins Gebot, den Stil aus dem Stoff kommen zu lassen, zitiert Schulze wiederholt als Herausforderung an sein Schreiben. Seit vier Jahren arbeitet er an seinem dritten Roman, von dem bisher nur der Arbeitstitel Titus Türmer zu erfahren ist sowie die spärlichen Hinweise, dass es sich um eine Pubertät in der DDR, einen Künstlerroman in Briefform handeln soll. Mehr kann man vielleicht in Graz erfahren, wo Schulze am Sonntag (11 Uhr) im Rahmen der "steirischen herbst"-Literaturreihe "Wer erzählt, lebt" lesen wird, die verspricht, "Stimmen und Texte einer Literatur der Existenz" zu versammeln. Darunter übrigens mehrere Autoren aus dem Osten Deutschlands: Mit Schulze, Monika Maron und den 1970 geborenen Prosaisten Antje Ravic-Strubel und Jochen Schmidt erheben im Forum Stadtpark vier Autoren ihre Stimme, die der abrupte Bruch, den der Wegfall der Mauer für jede ostdeutsche Biografie bedeuten musste, in vollkommen unterschiedlichen Momenten ihrer Existenz überraschte. Sie nacheinander lesen zu hören verspricht möglicherweise mehr Einblicke in ostdeutsche Gegenwart als manche angestrengte Diskussion.

Cornelia Niedermaier

erschienen in:
Der Standard, 2.11.2002   http://derstandard.at