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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Scharfe "Short Cuts" und "Endmoränen"
"Wer erzählt, lebt" lautet der durchaus spannend klingende Titel des diesjährigen "herbst"-Literaturzyklus. Hier erste "Lebenszeichen".


"Stimmen und Texte einer Literatur der Existenz" wird Kurator Thomas Kraft, Literaturkritiker und Ausstellungsmacher aus München, in einem längeren Lesungs-Zyklus beim "steirischen herbst" im Forum Stadtpark präsentieren. Die ersten Wortmeldungen gab es am Wochenende im Grazer Forum Stadtpark.

Mit prominenten Namen wie Thomas Hettche, Joshua Sobol, Raoul Schrott, Ingo Schulze oder Monika Maron wurde zum Auftakt aufgewartet, allein, die Aufwartung des Publikums hielt vorerst damit nicht Schritt. Der erste Veranstaltungsblock war eher spärlich besucht.

Allein, auch die Erwartungshaltungen wurden bisher nur teilweise erfüllt. Denn viel Neues wurde vorerst nicht geboten. Gute Literatur, herausragende sogar, aber nicht neu - und nicht immer unbedingt themenbezogen. Das Lesen aus jüngeren Werken hat nicht selten Vorrang, wie bei Thomas Hetche.

Der in Irland lebende österreichische Essayist, Lyriker und Übersetzer Raoul Schrott (lesen Sie dazu auch nebenstehenden Dialog) demonstrierte seine Vielseitigkeit mit zwei Gedichten, entführte die gebannten Zuhörer mit seiner Erzählung "Khamsin" in die Fremde und Leere der Wüste, und schloss seine eineinhalbstündige "Performance" mit einem Ausschnitt aus seinem Epos "Gilgamesh". "Fremdkörper" -Thema des "herbstes" - beschreibt die Synthese des hier Gebotenen wohl am besten.

Auch Ingo Schulze (40) thematisierte das unbehagliche Fremdsein. Mit Auszügen aus seinem Erstlingswerk "33 Augenblicke des Glücks" eröffnete er einen Blick in das St. Petersburg der frühen 90er-Jahre. Sein Folgewerk "Simple Storys" gilt mittlerweile als der Wenderoman schlechthin. Schulze zur Situation: "Die Probleme für jemanden aus dem Osten sind die heute bedrängenden Fragen, die damals kein Problem waren und umgekehrt. Früher hat man sich keine Gedanken machen müssen über Arbeitsplatz oder Miete." Der Literat aus Dresden zeigt Bilder der kleinen Stadt Altenburg, lässt seine Figuren von ihren kleinen und großen Problemen berichten, verwebt die vielen kleinen Storys zu einem großen Ganzen, das als Widerspiegelung der Ereignisse vor und nach der Wende ein beklemmendes

Bild des Aufbruchs zurücklässt. Er präsentierte als Einziger ein neues Werk: einen Briefroman, verfasst auf den Rückseiten alter Manuskriptblätter. Titel noch unbekannt, Erscheinungsdatum 2004.

Mit Monika Maron endete das Wochenende. Die Berliner Autorin stellte ihren neuen Roman "Endmoränen" vor, der von einer alternden Frau erzählt, die versäumt hat, ihre Biografie nach der Wende neu zu schreiben, und am neuen, veränderten Alltag zu zerbrechen droht.

Am Freitag kommt Georg Klein, am Samstag, der "Nacht der Literatur", kommen sieben jüngere AutorInnen zu Wort, unter denen auch der Publikumspreis vergeben wird. Ulla Berkewicz musste auf Grund des Todes ihres Mannes Siegfried Unseld ihre Teilnahme absagen.

Sonja Hartner

erschienen in:
Kleine Zeitung, 05.11.2002   www.kleinezeitung.at