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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Zaha darf alles
"Graz darf alles": Die Architekturaustellung "Latente Utopien" im Landesmuseum der Stadt


Zur Eröffnung des Kulturfestivals "steirischer herbst" präsentiert sich eine Architektur, die wenig mit der bekannten "Grazer Schule" gemein hat, mehr dagegen mit dem Motto des Festivals "Fremdkörper". Unter der Leitung von Peter Oswald ist in diesem Jahr Architektur zum Schwerpunkt gemacht worden, da lag es nahe, dass zur Eröffnung der bekannteste Architekt des Landes sprach: Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au. Er warnte vor den Folgen fremdenfeindlicher Kulturpolitik, die Österreich "vom Schlaraffenland zum Land am Rand des Schlafes" treibe. Gleichzeitig beglückwünschte er Graz zu dieser Ausstellung und zum Bau des blobartigen Kunsthauses der Briten Peter Cook und Colin Fournier, denn, so Prix: "Beides wäre in Wien nicht möglich gewesen."

Die Ausstellung, Teil des Programms der einzigen Europäischen Kulturhauptstadt 2003, steht unter dem Motto: "Graz darf alles". Verantwortlich zeichnet die Londoner Architektin Zaha Hadid gemeinsam mit Patrick Schumacher. Hadid hat praktisch ihren Freundes- und Schülerkreis eingeladen, aus der Zeit an der AA (Architectural Association) in London und der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst. "Architektur hat für mich mit Kunst zu tun", meint Hadid, und hat die Präsentation in Graz zu einer " Ergänzung zur aktuellen Architektur-Biennale in Venedig" erklärt. "Alles ist möglich," nach dieser Maxime sei sie ausgebildet worden "und daran glaube ich noch immer", umriss Hadid die Herangehensweise, die dem Thema Utopie gewidmet worden ist. "Utopie war ein Tabu-Begriff in der Architekturdiskussion", konstatierte Xavier Costa, "wegen des Versagens der Moderne in ihrem Namen".

Schon das intellektuelle Ringen um das Thema Utopie war ein Luxus. Denn Roger Riewe hatte für ein Symposium am Tag der Eröffnung alle Ausstellungsteilnehmer, zusammen mit den Architekturkritikern Aaron Betsky, Bart Lootsma und Neil Speaks, in die Technische Universität eingeflogen. Die Kuratoren hatten 26 Architekturbüros ausgewählt und sie paarweise auf die 13 Räume des Landesmuseums aufgeteilt. Bedauerlich, dass trotz eines deutschen Kurators deutsche Teilnehmer fehlen. Sulan Kolatan ist zumindest in Deutschland aufgewachsen, bevor sie Kolatan/Mac Donalds Studio gründete.

In Graz stellen die New Yorker Modelle, Animationen und eine räumliche, sich fraktal auflösende "Tapete" aus. Aufregend ist die Präsentation eines großen Modells des künftigen Lyoner Musée des Confluences von Coop Himmelb(l)au, das die bekannten Perspektivflüge aus Computeranimationen ins Reale überträgt. Minikamerafahrten werden auf Screens übertragen, wobei sich das gesamte Modell auf Schienen bewegt. Die größte Chance und Herausforderung für digitale Architektur ist die reale Umsetzung. Dabei muss jene Enttäuschung vermieden werden, die Ross Lovegrove "Airfix-Effekt" nannte, nach den Flugzeugmodellen aus Plastik.

Bei den ausgestellten biomorphen World Trade Center Entwürfen von FOA und NOX / Lars Spuybroek, den Animationen von Asymptote oder den Raumgebilden von nextENTERPRISE, ocean North und propeller z ist dies kein Problem, da sie nicht verwirklicht werden. Leider lässt bereits das Modell des Popmuseums Nancy von NOX Schlimmes ahnen. Ruhm wird er der Bewegung mit diesem primitiven Bau im Jahre 2005 nicht einbringen. Immer wieder auffällig ist die Nähe digitaler Architektur zum Design. "Design intelligence", nennt Speaks die kleinmaßstäblichen Arbeiten von heute, im Gegensatz zu den größenwahnsinnigen Utopien eines Le Corbusier. Neben Freiformstudien zeigt Greg Lynn unter anderem ein peinliches Schachspiel und ein unfunktionelles Tee-Service für Alessi. Mit Karim Rashid, Lovegrove und Andreas Thaler werden gleich drei Produktdesigner ausgestellt. Rashid baute Kuschelkörbe aus Fiberglas, in schlechterer Ausführungsqualität als beim großen Vorbild Verner Panton und Lovegrove übernatürlich leuchtende, blobartige Möbel. Thalers "flüssige Lounge" samt Tropfensound und -bildern ist dagegen von naiver, infantiler Grundhaltung. Zaha Hadids Installation simuliert ein Wohnambiente mit wellenförmigen Formen inklusive Bett und Monitor, in einem gebogenem Raum mit einem sperrigen Metallgebilde von ocean D konfrontiert. Diese Haltung schien allgemeiner Konsens zu sein. Patrick Schumacher stellt Arbeiten des AA Design Research Lab aus, mit sensorgesteuerten Fußplatten und reagiblen Modellen voller Pneumatik und Robotik. Ähnlich auch das Environment von veech.media.architecture, ein Ergebnis ihrer Materialforschung: pneumatisch veränderbare Wände und Boden aus schwarzem Kunststoff mit integrierten Monitoren. Auch die räumlichen Ornamente aus Kunststoff von servo gehören in diese Gruppe. Sie reagieren auf ihre Umgebung mittels Sensoren und einprogrammierter "Intelligenz". Erstaunen erzeugt eine Arbeit von Reiser & Umemoto mit Yusuke Obuchi, die einen großen Kubus aus Magnetfeldern in handwerklicher Perfektion vor Ort aufbauten. In seinem Innern beherbergt er Tausende kleiner und ordentlich aufgereihter "Nadeln", die auf Einflüsse und internes Programm reagieren und sich dabei räumlich verwandeln. Kleine Utopien als mit heutigen Mitteln machbare Science-Fiction. Die erfreulichste Installation bedient sich dagegen herkömmlicher Illusionsmittel. Über einem kleinen Raum erstreckt sich eine Art Innen/ Untersicht einer großen Metropole mit tausenden pulsierenden Lichtern und leuchtenden Koordinatenrastern Dabei handelt es sich um Leuchtschnüre und -dioden, gespiegelt und mit Steuerungen versehen. Allergisch sei er gegen den Begriff "Experiment", meinte Greg Lynn. Er würde "Research", im Sinne von Forschung und Entwicklung vorziehen. Experiment sei wahllos, Research dagegen zielgerichtet. Die Präsentation in Graz hat nichts weniger unternommen, als das Experiment selbst zu einem Fremdkörper zu machen - ganz nach dem Motto: "Graz darf alles." Landesmuseum Joanneum, Graz, bis zum 2. März 2003. www.latentutopias.at Katalog: Latent Utopias. Springer-Verlag, Wien/New York 2002. 304 S., 35 Euro.

Peter Cachola Schmal

erschienen in:
Frankfurter Rundschau, 06.11.2002   http://www.fr-aktuell.de