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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Der Täter wird zum Opfer
Waagrecht schwebende Figuren verblüffen in Achim Freyers kongenialer Inszenierung von Salvatore Sciarrinos Oper "Macbeth".


Die Sphäre des Übersinnlichen steht quer zur Realität: Wenn Macbeth und Banquo den Prophezeiungen der Hexen lauschen, schweben sie waagrecht über der Bühne. Auch Banquos Geist erblickt Macbeth um 90 Grad gedreht im Raum, der kein Oben und Unten kennt, weil die Welt aus dem Lot geraten ist.

Mit multiplen Perspektiven und optischen Täuschungen treibt Achim Freyer, dessen Uraufführungsinszenierung von Sciarrinos "Macbeth" als einer der Höhepunkte des "steirischen herbstes" ihre Österreichpremiere im Grazer Schauspielhaus erlebte, ein verwirrendes Spiel. In einem sich beklemmend verengenden Raum, der durch perspektivische Kreidezeichnungen Tiefe erhält und im Hintergrund auftretende Figuren als Riesen erscheinen lässt, inszeniert er ein surreales Nachtstück.

Als sein eigener Librettist hat Salvatore Sciarrino "Macbeth" auf drei Ritualmorde verdichtet. Ihm geht es nicht um die Figuren aus Shakespeares Drama, sondern um den tödlichen Mechanismus, den hemmungslose Machtgier auslöst. Konsequent zeigt Freyer, dessen Regiekonzept nach seiner schweren Erkrankung von Friederike Rinne-Wolf umgesetzt wurde, keine realen Personen, sondern Archetypen in bizarren Masken und Kostümen. Er stilisiert das Geschehen zur zeitlosen Parabel, zur sich endlos drehenden Spirale der Gewalt: Der Täter wird zum Opfer, das Spiel beginnt von vorne.

Der italienische Komponist Salvatore Sciarrino (55), dessen 1998 in Schwetzingen aus der Taufe gehobene Oper "Luci mie traditrici" zu den am häufigsten nachgespielten Werken des modernen Musiktheaters zählt, reichert seine unverkennbare persönliche Tonsprache im "Macbeth" um eine zusätzliche räumliche Dimension an. Das - auch im Hinblick auf die Gegebenheiten des Schwetzinger Rokokotheaters, in dem heuer am 6. Juni die Uraufführung mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter Johannes Debus stattgefunden hat - mit 25 Instrumentalisten bescheiden besetzte Orchester teilt er in zwei Gruppen: Die größere nimmt im Graben Platz, die kleine agiert unsichtbar hinter der Bühne.

In Graz (und anschließend auch in Rom) durchmisst das Klangforum Wien unter Sylvain Cambreling mit souveräner Meisterschaft die 366 Seiten der mit detaillierten Spielanweisungen übersäten Partitur. Sciarrino huldigt einem geheimnisvollen, wegen seiner subtilen Gratwanderung zwischen Ton und Geräusch selten klar identifizierbaren Klang, in dem das Dunkle vorherrscht. Der Sizilianer braucht keine große Lautstärke, um den Schrecken zu beschwören: Mit äußerst differenzierten, leisen, gehetzten, huschenden Gesten erzielt er eine affektstarke Eindringlichkeit, in die Zitate aus "Don Giovanni" und "Maskenball" wie Eindringlinge aus einer fremden Welt einbrechen.

Für die beiden Protagonisten, drei Interpreten mehrerer Rollen und ein sechsköpfiges Vokalensemble schreibt Sciarrino in einem rezitativischen Stil, der meist von einem langen Halteton ausgeht, der dann in gezackten Bewegungen zerstäubt. Annette Stricker (Lady Macbeth) und Otto Katzameier (Macbeth) beherrschen diese akrobatische Seufzermelodik mit ausdrucksstarker Virtuosität.

"Macbeth" von Salvatore Sciarrino im Grazer Schauspielhaus: Heute, 19.30 bis 21.30 Uhr. Karten: Tel. (0 31 6) 81 60 70.

ERNST NAREDI-RAINER

erschienen in:
Kleine Zeitung, 09.11.2002   www.kleinezeitung.at