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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Annäherung an die Form der Freiheit
Moderne Architektur will Häusern Bewegung verleihen, wie eine Ausstellung in Graz zeigt


Ein Mann steht am Rand einer Klippe und blickt aufs Meer. Plötzlich zeigen sich ungeheure Schaumstreifen. Es ist der grosse Wirbel des Malstroms, den der Dichter Edgar Allen Poe in seinen «Phantastischen Fahrten» beschreibt. Ein Segelschiff wird in den Schlund gezogen. Es hängt wie durch Magie auf halber Höhe im riesigen Wirbel. Dann stürzt es in den Abgrund der kreisenden Wasserwand.
Genau dieser schwebende Augenblick fasziniert die neueste Architektur. Der britische Designer Ross Lovegrove spricht von «gefrorener Elastizität» und diagnostiziert ein Verlangen nach Formen, die emotional, spontan und sinnlich stimulierend sind. «Die Revolution kann beginnen, sobald flexible Formgebungen möglich sind. Verwendet werden dann flüssige Materialien wie Polymere, Schaumprodukte, Glas und Alu», so sein Blick in die Zukunft des Bauens, der bei Hollywoods Produzenten heiss begehrt ist. Benötigen sie ein Set-Design für einen Film, der im Jahr 2096 spielt, dann rufen sie Lovegrove an. Lovegrove steht mit seinen Zukunftsvisionen nicht alleine, wie die Grazer Ausstellung Latente Utopien zeigt.
Der neue «Flow»-Architekturtrend manifestiert sich etwa im «Woom» (World Room) des Industriedesigners Karim Rashid, dessen weisse, kugelrunde Kapseln als Relaxraum konzipiert sind - «Woom»-Kokons mit Mutterbauchästhetik: sinnlich, sublim, ätherisch. Rashid meint: «Ich rede mit der Welt und berühre sie wie ein virtueller Astronaut. Wenn die Freiheit eine Form hätte, dann wäre diese endlos wellenförmig und ständig in Bewegung - ein fliessendes extrasensorisches Gebräu.» Ein Museum für Lyon in der Form zusammenfliessender Gletscher Das Wiener Architektenteam Coop Himmelb(l)au startete 1968 mit dem Ansinnen, Gebäude «mit Fantasie leicht und veränderbar wie Wolken zu machen». In ihrem Manifest von 1980, das mit den Worten «Architektur muss brennen» schliesst, wurde eine emotionale Architektur propagiert, «die blutet, die erschöpft, die dreht und bricht. Architektur, die leuchtet, die sticht, die fetzt und unter Dehnung reist. Wenn sie kalt ist, dann kalt wie ein Eisblock. Wenn sie heiss ist, dann heiss wie ein Flammenflügel». Prophetische Sätze. Die Ereignisse des 11. September 2001 haben in Erinnerung gerufen, dass Architektur nicht neutral ist, sondern Symbole produziert. Bau und Zerstörung des World Trade Center wiederholten die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel. Seit je verleihen Architekten dem Zeitgeist Ausdruck. Auch heute zeigt sich der Wandel in unserem Leben am augenfälligsten dort, wo er sich abspielt: in den eigenen vier Wänden.
In Graz präsentiert nun die Crème de la crème des experimentellen Bauens, was wir von der Architektur der Zukunft erwarten können. Der gezeigte Hochglanz schimmert zwischen Dachau, Disney und Disco. Coop Himmelb(l)au, die längst aufgehört haben, in den Kategorien ihrer Auftraggeber zu denken, zeigen das Modell eines kleinen Monsters: 56 Millionen Euro teuer und 20 000 Quadratmeter gross entsteht bis 2005 in Lyon das Musée des Confluences, das im Aussehen denn auch seinem Namen vollends gerecht wird: Konfluenz meint in der Geologie den Zusammenfluss zweier Gletscher.
Eine Ausstellungsbesucherin gleitet mit der Hand zärtlich über das so genannt dekonstruktive Modell, wie wenns der Körper ihres Liebhabers wäre. Die Aufsicht herrscht sie an: «Berühren verboten!» Das Wort «Architektur» bedeutet im Griechischen «Anfang der Künste», «die erste der Künste». Zwischen moderner und postmoderner Architektur gibts jedoch Unterschiede. In der Moderne herrschte der Kult des Neuen, der Sachlichkeit und Funktionalität, was eine elitär-schweigsame Baukunst hinterliess. Eine Fabrik war kaum von einem Wohnhaus und ein Wohnhaus nicht von einem Repräsentationsbau zu unterscheiden.
Architekten wie Mies van der Rohe, Le Corbusier oder Walter Gropius waren Sachwalter einer besinnungslosen Technikverehrung und Fortschrittsgläubigkeit. Die Postmoderne liebte hingegen den Rückgriff auf die Historie und die ästhetische Vielfalt nach dem Motto Alles ist möglich, was zu plural-erzählenden Bauten führte.

Paolo Bianchi

erschienen in:
Sonntagszeitung, 10.11.2002   http://www.sonntagszeitung.ch