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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Alles fliesst im Woom
Die Grazer Architektur-Ausstellung «Latente Utopien»


Die Utopie ist ins Gerede gekommen, wenn nicht überhaupt, wie die Architektin Zaha Hadid sagt, in den «Ruf der Monstrosität». Wer würde dieser Tage noch ethische Verbindlichkeiten propagieren, den Wunsch nach gesellschaftsübergreifender Installation eines besseren Lebens? Zaha Hadid und Patrik Schumacher heben beim «steirischen herbst» die neue Architektur für ihre Ausstellung «Latente Utopien» auf das hohe Niveau der Zukunftsentwürfe, um sich dann doch (im Katalog) mit Niklas Luhmanns Systemtheorie wieder von den Utopien zu verabschieden. Zu komplex sind die sozialen Systeme, als dass sich noch Visionen für alle entwerfen liessen. In der Selbstreferentialität bleibt alles für sich - auch die Architektur.

Überhaupt ist die Architektur sich selbst die beste Gesellschaft. Und aus diesem Umstand wächst ein Leben, das auch mit viel Aufwand der Theorie nicht besser zu beschreiben ist, als es die Ausstellung selbst tut. Zaha Hadid und Patrik Schumacher haben in den Räumen des Grazer Joanneums einen abgedunkelten Organismus angelegt, in dem es gluckst und summt und in dem das anthropomorphe Potenzial der ausgestellten Architekturentwürfe schon fast einen ganzen Körper ergibt - von der schnaufenden pneumatischen Installation von Veech Media Architecture bis zum synaptischen Modell von Servo, einem «interaktiven, sensorischen Reprivationssystem, das auf eine breite Palette von Stimmungen des Nutzers reagiert und diese auch generiert». Die Ausstellung «Latente Utopien» zeigt softwaregesteuerte Simulationen, deren Bildschirme sich durch nahezu alle Räume ziehen, Designentwürfe, bildwirksame Installationen und mit den zu sehenden Modellen auch das klassische Medium architektonischer Präsentation.

Mit dem Paradox des «nichtorganischen Lebens» versucht das britische AA Design Research Lab die Funktionsweise der Architektur neu zu definieren und steht damit im diskursiven Zentrum einer Ausstellung, die so sehr in einer physiologischen Terminologie aufgeht, dass man sich fragt, ob es nicht auch andere Ansätze gegeben hätte. Nur Coop Himmelb(l)aus Modell des Musée des Confluences in Lyon steht als dekonstruktivistischer Beitrag in der Ausstellung. Sonst fügt sich in der von Zaha Hadid und Patrik Schumacher kuratierten Schau eins nahezu nahtlos ans andere. «Soft» oder «Woom» beschreiben eine in Form gegossene Flüssigkeit, in der die beweglichen quasibiologischen Formen über die starren Elemente der traditionellen Architektur triumphieren. Die blaue Blase von Colin Fourniers und Peter Cooks Kunsthaus entsteht gerade an der Grazer Mur (vgl. NZZ vom 30. 8. 02). Ihre Membran, die einen gläsernen Kubus umwölbt, ist in ihrer Erscheinung durch Licht veränderbar und damit ein anderer, in der Ausstellung allerdings nicht vertretener Beitrag zum Generaltopos, den etwa Ross Lovegrove «gefrorene Elastizität» nennt. Die Transparenz seiner Designformen und -flächen folgt einer konstruktiven Logik, in der die Aussenhaut keine Grenze ergibt.

Mit Licht und weichen Linien unternimmt Lovegrove den Versuch, die Schönheit fliessender Computerbilder in den dreidimensionalen Raum zu übertragen. In grösserem Massstab machen das auch die amerikanischen Architekten von Asymptote mit ihrem Entwurf für das Event- und Lieferzentrum von BMW in München, die damit die Mobilität auch im Sinne des Auftraggebers simulieren. Angelil/Graham/Pfenninger/Scholl aus der Schweiz verbinden ihre aus transparenten Folien bestehenden Hohlkörper zu einem Bild unablässiger Bewegung. Die Stabilität architektonischer Form wird durch die im Licht schwebenden Röhren untergraben und ironisiert so das klassische Raummodell nicht weniger als «Malina 3» von Pichler & Traupmann. Ein Dreieck aus stählernen Wänden dreht sich sanft zwischen vier Türen, lässt Ein- und Ausgänge offen und schliesst sie wieder.

Die Rückzugsorte des menschlichen Lebens werden auch in Graz thematisiert. Karim Rashid entwirft «WOOM», den «world room», ein kugelrundes Häuschen weich gepolsterten Wohlbefindens, das sich mit Andreas Thalers «Liquid Lounge» immerhin den geistigen Vater teilt. Am Massstab von Verner Pantons bunten Entwürfen der siebziger Jahre kommt das Soft-Design auch heute noch nicht herum. Zaha Hadid dagegen liefert ihre eigene Sicht des Wohnens: eine «Domestic Wave», die die Funktionen des Lebens in einer Welle aneinander reiht, vom Schreibtisch bis zum Bett.

Von Staatsutopien und idealen Landschaften war in Thomas Morus' «Utopia» von 1516 die Rede. Grossflächige Entwürfe zum urbanen Design der Zukunft liefern die holländischen MVRDV, deren Housing Silo von Amsterdam ebenfalls zu sehen ist, Zaha Hadid und Branson coates architects aus England mit ihren Visionen einer «Ecstacity». Vom grossen Ganzen, dessen Herausforderungen noch mit den höchst ähnlichen World-Trade-Center-Entwürfen von NOX und Foreign Office vertreten sind, kehrt die Theorie der Ausstellung auch wieder zum Ursprung der architektonischen Arbeit zurück. Liegt die Utopie nicht überhaupt in den Möglichkeiten der neuen elektronischen Entwurfsmedien, der «Nicht-Ort» billigerweise in der Virtualität?

In dieser «Science-Fiction» jenseits aller Materialgebundenheit lassen sich jene Utopien durchspielen, über die der Grossteil der in der Ausstellung vertretenen Architekten auch noch bei einem Symposium debattierte, ohne dabei über das Thema recht froh zu werden. Welche Rolle die Architektur in den heutigen gesellschaftlichen Prozessen spielt, wusste niemand so recht zu sagen, ausser dass es wohl doch eine langfristige gegenseitige Befruchtung gäbe. Mit der Luhmann'schen Systemtheorie liessen sich dann die wesentlichsten Widersprüche ausbügeln, und die Wirklichkeit ist ohnehin konkreter: Hollywoods Produzenten würden bei ihm anrufen, weil sie ein Set-Design für einen Film brauchen, der im Jahr 2096 spielt, erzählt Ross Lovegrove. Karim Rashid fordert, Pragmatismus vor neue Dogmen zu setzen, Greg Lynn ist die streng rationale Erkundung der Möglichkeiten der Architektur lieber als Experimente. Vielleicht war das Wort von der «Utopie», wie auch Zaha Hadid beim Symposium andeutet, doch zu hoch gegriffen. Und die Utopie tritt nicht als Proklamation eines Besseren auf, sondern als schlichte Konzentration kritischer architektonischer Einbildungskraft. Auch in Graz alles also beim Alten.

Paul Jandl

erschienen in:
Neue Zürcher Zeitung, 30.10.2002   http://www.nzz.ch