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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Hohe Latte: Beat Furrers "Begehren"


Höflicher Applaus. Enthusiastischen Beifall erntete Beat Furrers "Begehren" - bei der konzertanten Uraufführung im "steirischen herbst" 2001. Die szenische Premiere, die den "herbst" 2002 ausklingen und "Graz 2003" hoch karätig beginnen ließ, musste sich hingegen mit höflichem, immerhin lang anhaltendem Applaus begnügen. Hatte die neue Helmut-List-Halle ihre erste Bewährungsprobe nicht bestanden? Konnte Reinhild Hoffmanns Inszenierung mit Furrers Partitur nicht Schritt halten? Weder noch. Der Hauptgrund für die letztlich laue Aufnahme dieser Koproduktion mit Gérard Mortiers Ruhrtriennale lag vielmehr in der Zusammensetzung des Premierenpublikums, das hauptsächlich aus geladenen Gästen bestand, die ihre repräsentativen Verpflichtungen erfüllten. Klangerlebnis. Die Helmut-List-Halle hat sich, abgesehen von den organisatorischen Mängeln, bei ihrer Feuertaufe glänzend bewährt. Sie verfügt über eine ziemlich harte, angenehm trockene und ungemein klare Akustik, die mit brillanter Trennschärfe jedes einzelne Instrument zur Geltung bringt, keinen Hauch der Vokalisten ungehört verklingen lässt und der von Peter Böhm perfekt ausgesteuerten elektronischen Verräumlichung des Klanges dank ihrer beträchtlichen Dimensionen maximale Wirkung sichert. Subtil. Hier konnte sich das "ensemble recherche" unter der Leitung des Komponisten noch virtuoser, noch eindringlicher, noch farbenreicher entfalten als im Grazer Schauspielhaus. Mit phänomenaler Durchsichtigkeit realisierte es die fein verästelte Partitur des 48-jährigen Schweizer Kompositionsprofessors der Grazer Musikuniversität, deren Piano- und Pianissimonuancen in der List-Halle subtil ausgekostet werden können. Einsamkeit. Beat Furrer setzt sich in "Begehren" mit dem Orpheus-Mythos auseinander. Er erzählt aber nicht die Sage vom antiken Sänger, der in die Unterwelt vordringt, um seine verstorbene Gattin Eurydike auf die Erde zurückzuholen, jedoch am verbotenen Blick scheitert, sondern reflektiert diesen vielfach abgehandelten Stoff. Oft übereinander gelagerte Texte von Ovid, Vergil, Hermann Broch, Cesare Pavese und Günter Eich dienen ihm als Grundlage für zehn lose Szenen, die vor allem von der Beziehungslosigkeit und Einsamkeit der Protagonisten handeln, die bei ihm nur noch Sie und Er heißen. Sparsam. In seiner bisher wohl überzeugendsten musiktheatralischen Partitur schildert Furrer zunächst mit dichtem Instrumentalgewebe die Unterwelt, bis es Orpheus gelingt, deren Mechanismus zu stoppen. Dann trägt er gleichsam Schicht um Schicht ab, wird er in der orchestralen Ausgestaltung immer sparsamer, erhalten einigen Klanggesten immer größere strukturelle Bedeutung. Präzise. Der instrumentalen Gratwanderung zwischen Klingen und Nicht-Klingen, zwischen Ton und Geräusch entspricht der zwischen Gesang und gehauchten Vokalisen pendelnde Einsatz des Chores, dessen enorme Anforderungen Colin Masons Vokalensemble Nova unglaublich bravourös bewältigt. Ebenso wie der Chor agieren auch die beiden Solisten mit beträchtlich gesteigerter Souveränität: Petra Hoffmann erklimmt sicher die Spitzentöne der Eurydike und der Bariton Johann Leutgeb meistert seine Sprechrolle mit enormer rhythmischer Präzision und hoher Textverständlichkeit. Musste Furrer 1994 zusehen, wie sein "Narcissus" in der Grazer Oper von Regisseur Gerald Thomas in einer aufdringlichen Bilderflut ertränkt wurde, so inszeniert jetzt Reinhild Hoffmann mit feinfühliger Musikalität. Körpersprache. In der zum Teil hydraulisch beweglichen Unterweltlandschaft der Stararchitektin Zaha Hadid vereint sie die beiden Solisten, den Chor und vierzehn Tänzer zu einem Ensemble, das ihren signifikanten Tanztheaterstil homogen umsetzt. Ihre meist eindringliche und beredte Körpersprache kündet vom Tod, vom Vergessen durch den Trank aus dem Fluss Lethe, von der Sehnsucht, auszubrechen. Fortsetzung. Deutlicher als Furrer akzentuiert Hoffmann das Prinzip Hoffnung: Sie lässt den Flötisten auf die Bühne kommen, um augenfällig zu machen, dass sich in ihm der Gesang des von den Furien getöteten Orpheus fortsetzt und zeigt im Schlussbild Eurydike auf einem Weg nach oben.

Ernst Naredi-Rainer

erschienen in:
Kleine Zeitung, 11.01.2003   www.kleinezeitung.at