home
newsletter subscribieren!
switch to englishdeutsche version  
   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

<<  zurück

Narziss und Goldhund
Dreimal Schneewittchen: Beim Steirischen Herbst versucht sich das Theater an Elfriede Jelineks „Prinzessinnendramen“


Da stehen sie auf der Bühne, drei Grazien auf Stöckelschuhen. Sie tragen Haut und Haar so korrekt, als seien ihre Oberflächen frisch heruntergerissen von einer Offsetdruckvorlage. So sieht der männliche Blick Helenen bald in jedem Hochglanzbild. Im Unterschied zum klassischen Vorbild hat der „gute Geschmack“ hier sogar Auswahlmöglichkeiten. Für „Der Tod und das Mädchen I“, ihren Betrag zu einer Gruppenarbeit über Elfriede Jelineks „Prinzessinnendramen“ beim Steirischen Herbst in Graz, hat die Regisseurin Brigitte Landes das Textquantum von Schneewittchen in drei Teile geteilt und die Figur zu drei Varianten des Bildes multipliziert.

Es gibt drei Prototypen von Prinzessinnenbaureihen: Modell weiß (Andrea Wenzl), das kokett-unbedarfte Pre-Teen-Girl, das jede Pädophilenphantasie ins Herzinnerste einschließen dürfte, das blonde Gift (Juliane Werner) in Signalrot und die Mondäne (Josefin Platt) mit Pagenschnitt, dem schulterfreien langen schwarzen Kleid und einer Spur von Diseusenheiserkeit in der Stimme. Jetzt könnte man weiterblättern, geht aber nicht. Die Centerfold-Ikonen beginnen zu reden. Und die Bilder sprechen gerade über die Bedingungen ihrer Entstehung. Ihr Diskurs offenbart nicht gerade neues. Aber als Theaterrede, die das Gesagte unmittelbar zum Raum und den Körpern darin in Beziehung setzt, wird schon Gehörtes wieder spannend. Jenseits von psychologisch verbürgten Figuren zieht aus den Texten Elfriede Jelineks ein Theater herauf, das unerhört leichtgängig zwischen Reflexion und Anschauung oszilliert und die Zeichenebenen mal synchron, mal einander widersprechend taktet. „Der Text ist nicht für eine Bühnenaufführung vorgesehen!“, steht in der Regieanweisung, eine Aufforderung, auf der Bühne alle illusionistischen Kniffe fahren zu lassen.

In den Farben weiß, rot, schwarz entspinnt sich lustvolles Spiel mit dem Nichtidentischen als Maskenball mit den Bildern, die der männliche Blick als soziale Konstruktion von „Frau“ entwirft. Doch das Prinzessin-Sein bedeutet in Jelineks Märchenparaphrasen zunächst nur das Vermögen, den Blick auf sich zu lenken. Dieser narzisstische Triumph ist blind und nur geliehen. Deshalb ist er leicht auszubeuten. Der angezogene Blick fällt im schlimmsten Fall durch ein Zielfernrohr. Jedes Häschen erhält in der Schießbude zwischen bewegliche Pappendeckel-Bambis (Bühne: Magdalena Gut) seinen Vollstrecker (Daniel Doujenis, Sebastian Reiß und Dominik Warta).

Zuvor üben die Schneewittchen Kritik am Subjektbegriff, der meist weiß, mittelschichtig und männlich ist. Das Vorzugsobjekt des Mädchenspotts ist Papa Heidegger. Bevor es mit ihnen zu Ende geht, zeigen sie dem Philosophenschwengel noch die lange Nase. Das könnte noch köstlicher sein, hätten Andrea Wenzl, Juliane Werner und Josefin Platt den Mut zum subversiven Rollenspiel gehabt. So aber kippte das Claudia-Schiffer-Posing wieder in zynische Affirmation.

Lustiger gerät der zweite Teil in der Regie von Marc von Henning. Hier kippt das Märchen in die Zeitlichkeit, und ein nicht mehr ganz taufrisches Dornröschen (Barbara Hammer) räsoniert darüber, ob sie geweckt werden will. Diese Prinzessin stammt eher von Beckett ab als von romantischer Volksseele. Nicht die Aussicht auf den Kuss treibt sie – eher die Lust an der Wiederholung des Spiels. Wenn es doch gelingt, schüttelt sie sich. Der alte Prinz (Gerhard Balluch) muss aus dem Mund riechen, oder fault das romantische Liebesideal?

Ihre Bettstatt ist umgeben von Märchenzitaten, die in Schaukästen herunterhängen. Der Wecker neben dem Lager hat keine Zeiger. Der Prinz in Kniebundhosen, Wertherfrack und Zottelfrisur glaubt nicht mehr ans Wachküssen. Dieser Typ ist postpathetisch, postromantisch, postpatriarchalisch und postkoital. Versuchen tut er’s: „Ein bissel was geht immer“ – aber nur, um erneut in Trägheit zu versinken. Er ist durch mit dem Thema, und Marc von Henning gibt vor, es ebenso zu sein. Über eine Videoprojektion unterlegt er Szenen der Filmliebespaare mit den Kernsätzen von Jelineks Text, die das Machtgefälle im Liebesideal bloßlegen. Prinzengequatsche als Standardsituation wie im Fußball. Und der Prinz zieht das grüne Flauschkostüm mit dem baumelnden Gemächt an und macht ihr den Froschkönig.

Im dritten Teil, der Zwiesprache von Rosamunde und Fulvio, verweigert Ruedi Häusermann die szenische Umsetzung im hergebrachten Sinn und bringt den Jelinek-Text zu einer Art konzertanten Aufführung. In einem Klangraumtheater hängen Mikrofone und Lichtquellen herab. Ein Streichquartett (Monika Camenzind, Christian Strässle, Daniel Thomas, Martin Birnstiel) bewegt sich mit Versatzstücken von Musik über die Bühne. Ein Percussionist mit drei Benzinfässern (Martin Hägler) gibt der Prozession Erdung. Dann dringt die Stimme von Isabelle Menke heraus, die im scheinbar beiläufigen Ton plötzlich Schärfe gewinnt. Ein Lichtkegel hebt nur ihr Gesicht aus dem Bühnendunkel, so wenig und zugleich so viel Theater war nie an diesem Abend. Das Projekt in Graz lässt viele Fragen offen. Das kann im Ausnahmefall als Lob gelten. Schließlich ist die „erschöpfende“ Erstaufführung die Rache der Theaterkonvention an allem, was über sie hereinbricht.

Uwe Mattheis

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung, 31.10.2002   http://www.sueddeutsche.de