home
newsletter subscribieren!
switch to englishdeutsche version  
   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

<<  zurück

Plädoyer für gesellschaftliche Wachheit
Fremdheit, Freiheit und der Mief der Mittelmäßigkeit standen im Zentrum von Wolf D. Prix' Eröffnungsrede beim "steirischen herbst".


Der "steirische herbst 2002" wurde am Donnerstagabend im Grazer Schauspielhaus mit einer Rede des Architekten Wolf D. Prix eröffnet. Seine Gedanken rankten um "Fremdheit", das heurige Generalthema des "herbstes".
Außerdem beschäftigte er sich mit der Rolle des Architekten und der Politik sowie mit "dringend notwendigen" Freiräumen. Die Quotenidioten Österreich berufe sich zwar gerne auf das Weltkulturerbe, so Prix, aber Erfinder und Erneuerer seien hier zu Lande nie geliebt worden. Die Österreicher würden sich "freud- und lustvoll" der fundamentalen Selbstüberschätzung hingeben, dass sie auch in der Kunst die Größten seien. "Und Quotenidioten beginnen die Besucherzahlen von herumirrenden Touristen als Beweis dafür heranzuziehen, dass das Mittelmaß das Maß aller Dinge ist". Selbstbewusste Architekten Auch die Rolle des Architekten müsse sich in Zukunft verändern, erklärte Prix. Zum einen werde es jene geben, die in vorauseilenden Gehorsam alles schön fänden, was ihm sein Auftraggeber abverlangt. Diese werden dann aber eher "Stimmungsbebilderer".
Das Feld werde somit frei für einen Architekten, der sich als "Strategiedenker" begreife und der nicht "an Erfüllungszwang leidet". Aufgabe der Politiker sei es, sich "nicht hinter uns zu stellen, wie sie gerne betonen, sondern vor uns", betonte Prix. "Die wirkliche Gefahr besteht aber darin, dass uns die Angst vor Fremdkörpern vom Schlaraffenland zum Land am Rand des Schlafes werden lässt, und der Mief der Mittelmäßigkeit alles zudeckt, was kritisch über den Tellerrand zu blicken droht", schloss Prix. Noch vor der Eröffnungsrede führte Gerhard Moser für das Ö1
Kulturjournal ein Interview mit Wolf D. Prix.
Frage: Welche Bedeutung hat der steirische herbst für Sie? Gibt es da besondere Erfahrungen, Begegnungen und Anregungen?
Wolf D. Prix: Ich erinnere mich an die "Trigon" 1969, wo Helmut Swiczinsky und ich eine Installation gebaut hatten, eine Gesichtsmaske, die Gesichtsbewegungen in Licht und Ton übertragen hat. Wir sind damals von den österreichischen Kulturkritikern sehr skeptisch begutachtet worden. Unsere damalige Forderung, dass sich nicht die Menschen der Architektur anzupassen hätten, sondern die Architektur auf den Menschen reagieren muss, hat ein sehr bekannter Kritiker beschrieben: Na und? Das war die erste Lehre, dass wir in einem Land leben, wo subalterne Ignoranz und Mittelmäßigkeit im Vordergrund stehen und Utopien nicht gefragt sind. Trotzdem halte ich den steirischen herbst für ein ganz wichtiges Festival. Obwohl mich der Name Herbst nachdenklich für ein Avantgarde-Festival stimmt. Zeigt diese Jahreszeit doch das Ende eines Jahres an. Also sollte dieses Festival doch "Steirischer Frühling" heißen, was ja der mittelmäßigen Romantik des Österreichers entgegen käme. Aber das wäre auch falsch. Frage: Der steirische herbst hat im Laufe der Jahrzehnte einige Entwicklungen durchgemacht. In letzter Zeit gab es den Vorwurf der Beliebigkeit. Wie sehen Sie die aktuelle Positionierung? Wolf D. Prix: Tatsache ist, dass ich der Stadt Graz nicht nur zum steirischen herbst gratulieren kann, sondern in diesem Fall als Architekt zu zwei ganz besonderen Ereignissen. Das eine ist die Ausstellung "Latente Utopien", das andere, was sehr wichtig ist, ist die zukünftige Kunsthalle von Peter Cook und Colin Fournier. Ich wünschte mir, diese beiden Ereignisse würden in Wien stattfinden.

erschienen in:
ORF.ON   http://kultur.orf.at