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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Eröffnungsrede: Von Quotenidioten im Land der pragmatisierten Innovationsverhinderung
Die komplette Rede von Wolf d. Prix zum steirischen herbst 2002 auf derstandard.at


Sehr geehrte Damen und Herren, geschätzte Freunde, Ich stehe heute als Architekt vor Ihnen, um mit einer Rede den steirischen herbst zu eröffnen und beginne wie vermutlich alle meine Vorredner und Vorrednerinnen begonnen haben, nämlich: Dass es mir eine große Ehre ist.
Fremdkörper: Jetzt an dieser Stelle erinnere ich mich – nicht ganz genau, weil Vergangenheit nicht meine Sache ist, ist doch die Zukunft das, womit sich der Architekt beschäftigen muss – ich erinnere mich also hier und jetzt an die "Trigon 69" im steirischen herbst, wo mein Freund und Partner Helmut Swiczinsky und ich an der Fertigstellung einer Maschine arbeiteten, die Gesichtsbewegungen in Licht und Ton übersetzen sollte und wir davon träumten, Architektur als etwas Lebendiges zu sehen.
Architektur so hieß es, sollte auf die Menschen, die sie benutzen, reagieren. Feedback-Systeme nannten wir das und ganze Städte wurden danach entworfen. "Interaktiv" nennt man diese Ideen heute. Ein damals angesehener Kritiker kam vorbei, stellte fest, dass unsere Installation wohl nicht fertig werde und schrieb über unser Manifest, dass "der Raum auf den Menschen reagieren soll": Na und. Das war die erste wichtige Erfahrung, die wir in einem Land erhalten haben, das subalternes Verhalten, vorauseilenden Gehorsam als Charakter bezeichnet und wo das "is eh wurscht" als Lösungsprinzip gilt. Die Ignoranz dieses Kritikers könnte man als symptomatisch für eine Kulturlandschaft halten, die als international gesehen werden will. Aber sie ist doch von Paradigmen geprägt, die zum Zweifel Anlass geben.
steirischer herbst, so heißt eines der prononciertesten Avantgardefestivals in Österreich. Dabei ist doch der Herbst eine Jahreszeit, die das Ende eines Jahres anzeigt. Ein Titel also, der dem Anspruch des lebendigen kreativen Tohuwabohu eines Avantgardefestivals diametral entgegensteht.
Aber Steirischer Frühling wäre wohl genauso unangebracht, obwohl er dem österreichischen romantischen Mittelmaß noch eher entsprechen würde. Wir wollen für die Zukunft nicht hoffen, dass dieser Herbst zum Winter wird. Es scheint mir, dass die engen Grenzen unseres kleinen Landes in den letzten Jahren immer enger werden. Fremdes, Andersartiges, Eigensinniges, Unsicheres wurde und wird ausgegrenzt und Fremdheit, die eigentlich Neugierde am Anderen wecken sollte, wurde ausgeschlossen.

erschienen in:
Der Standard   http://derstandard.at/