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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Kunst als wesentlicher Teil des Lebens
Beat Furrers Musiktheater "Begehren" eröffnet "Graz 2003" - Interview mit dem Komponisten und Dirigenten - Mit Kurzbiografie


STANDARD: Ihr Werk beschäftigt sich mit einem Mythos, der Orpheus-Thematik. Wie steht der historische Hintergrund und dessen Betrachtung mit den Mitteln zeitgenössischer Komposition in Beziehung?
Furrer: Es ging mir zunächst nicht um die Annahme, dass uns die alten Mythen heute noch etwas mitteilen, sondern darum, sie zu prüfen: Was können sie uns heute sagen, wo sind diese Mythen noch offen? Diese Öffnung wird unter anderem durch die Überlagerung verschiedener Textschichten - Vergil, Ovid, Pavese, Broch und Eich - angestrebt. Als Grundlage dienen hier Vergil und Ovid, welche den Orpheus-Mythos erzählen. Aber schon bei Cesare Pavese wird eine subjektive Interpretation dieser hoch komplexen Materie sichtbar. Bei Hermann Brochs "Der Tod des Vergil" ist mit dem Zurückholen von Erinnerung der Orpheus-Mythos präsent. Eine gänzlich andere Sichtweise verkörpert dagegen Günter Eich in seinem Hörspiel "Geh' nicht nach El Kuwehd", in dem eine von ihrem Liebhaber verlassene Frau sich von der Erstarrung zum Singen und danach zum Sprechen hin entwickelt, der Mann sich dagegen vom Sprechen zum Singen hin wandelt. Ich selbst sehe die Figur des Orpheus auch als einen Mittler zwischen der dionysischen und der apollinischen Welt. Es erscheinen später im Christentum ganz ähnliche Figuren wie zum Beispiel Franz von Assisi, der wie Orpheus auch die Welt der Tiere verstand und so ein Mittler zwischen der Welt des Menschen und des Animalischen war.
STANDARD: Woher kam die kompositorische Notwendigkeit, diesen Mythos zu prüfen?
Furrer: Ich sehe es als Teil der dramaturgischen Anlage des kompositorischen Prozesses, den Mythos zu öffnen. Es ging mir auch darum, formale Erfahrungen aus der Instrumentalmusik wie die Überlagerung von Klangschichten und damit die Erzeugung von Perspektive auf das Musiktheater zu übertragen: Wie kann ich etwas erzählen, ohne in die Linearität zurückzufallen? In der ersten Szene sind dabei alle Schichten in einem sehr dichten Netzwerk anwesend und kommen allmählich einzeln zum Vorschein. Sehr interessant ist für mich auch die Frage des Gesanges. Die allgemeine Konvention der Oper, dass Texte, die normal gesprochen sind, gesungen werden, genügt mir nicht. Mich interessiert der Impuls, der eine Figur singen lässt, der Weg vom Sprechen hin zum Singen, denn klanglich-kompositorisch ist ja auch die gesprochene Sprache faszinierend. Die in der Unterwelt vorherrschende Gestik des mechanisch Repetierenden steht ihr da diametral gegenüber. Orpheus hat bei Ovid die Kraft, diese Mechanismen anzuhalten. Ihnen durch harmonische Filter einen lebendigen sprachähnlichen Duktus zu entlocken fasziniert mich dabei ebenso.
STANDARD: Welche Funktion hat der Chor?
Furrer: Eine sehr wesentliche. Zunächst erzählt er die Ereignisse, beobachtet den Gang ans Licht. Später wird er zur Verstärkung von Eurydikes Stimme eingesetzt und verschmilzt dann mit dem Gesang dieser Frau.
STANDARD: Wie verlief die Zusammenarbeit mit Reinhild Hoffmann, Regie, und Zaha Hadid, Bühnenbild, die ja aus ganz unterschiedlichen Sparten kommen, nämlich Tanz und Architektur?
Furrer: Mit Reinhild Hoffmann habe ich schon früher zusammengearbeitet und dabei erkannt, wie musikalisch sie denkt. Zaha Hadid kommt aus einem ganz anderen Kulturkreis. Sie schafft aus einer Fläche eine sehr komplexe Landschaft, die sich sehr gut in die Arbeit von Reinhild Hoffmann integriert.

erschienen in:
Der Standard, 09.01.2003   www.derstandard.at