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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Mit Heidegger auf Pirsch im Unterholz
Elfriede Jelinek, märchenhaft. In ihren "Prinzessinnendramen" zeigt sich die Grimmige trizophren: boshaft, sarkastisch und resignativ.


Als der Bühnen-Berserker Werner Schwab diabolisch seine "Königsdramen" auf die Bühnen wuchtete, versah er seine brachialen Bassena-Traumalette mit einer bodenständigen Maxime: Ins Leben gevögelt seien wir, unfähig, zu fliegen. Nun machte sich Elfriede Jelinek daran, einen Zyklus von "Prinzessinnendramen" zu schreiben; sie tut es natürlich mit etwas mehr aristrokratischer Noblesse und philosophischen Frei- und Sturzflügen, allein, die Botschaft ähnelt jener von Schwab.

"Der Tod und das Mädchen I -III" nennt sich die erste Teillieferung eines morbiden Reigens, Märchenparaphrasen liefern die Grundkomposition. Erst vor wenigen Tagen wurde das Triptychon in Hamburg aus der Taufe gehoben und von den Kritikern mehrheitlich mit Häme übergossen (von Hörspielen auf der Bühne war da unter anderem die Rede), die österreichische Erstaufführung, entstanden als Koproduktion des "steirischen herbstes" mit dem Grazer Schauspielhaus, ist weitaus mehr als nur eine Rehabilitierung. Es ist ein Zweidrittelsieg im Theater.

Drei Märchen, "Schneewittchen", "Dornröschen" und die Geschichte "Rosamunde" von Helmina von Chezys (für die Schubert die Bühnenmusik schrieb), knöpfte sich die Autorin vor, um an diese ihre weitläufigen Assoziationsketten zu hängen; Juwelen befinden sich ebenso darunter wie entbehrliche Wackersteine.

Die Grazer Dramaturgencrew tat sehr gut daran, die drei Einakter nicht, wie in Hamburg, einem einzelnen Regisseur, sondern einem Dreierteam anzuvertrauen, denn auf vielen stilistischen Achsen drehen sich die Werke, da kann die Mechanik sehr leicht klemmen. Das tut sie auch, unüberhörbar, im ersten Teil. Schneewittchen, in der Inszenierung von Brigitte Landes, gleich in dreifacher Gestalt vertreten, hirscht durch den Wald, bereit, sich den Zwergen hinzugeben, allein, in den Weg treten ihr nur drei Jäger, die den Tod verkörpern. Was folgt, ist ein philosophisches Halali, mit Heidegger auf Sinnpirsch im Unterholz und einem langatmigen A-cappella-Palaver. Der Gnadentod kommt, zu spät.

Hernach: "Dornröschen", unverblümt wachgeküsst nicht am Munde, sondern in Nähe des Muttermundes, von einem Prinzen, der sich selbstbescheiden als Gott himself ausweist. Marc von Henning, multimedialer Stückedeuter, hat die vorwiegend in horizontaler Lage ausgetragene Bettsequenz durch etliche Videoeinspielungen skurril-dynamisch aufgewühlt, das Duo koital (herrlich schräg: Barbara Hammer und Gerhard Balluch) zappt sich durch TV-Stationen, bleibt bei der "Sissi"-Schnulze und bei Talkshows hängen, wobei das Gesülze und Gebrabbel ständig durch Jelinek-Texte neu synchronisiert wird. - Kurz erwacht die Prinzessin aus dem Schlaf, im Beischlaf scheidet sie alsbald wieder dahin. Mit dem Blaulicht der Polit-Persiflage kommen aktuelle Bezüge zum Vorschein, denn ebenso gut hätte diese Travestie den Titel "Susi und ihr Strolch Jörgi" tragen können.

In Teil drei, dem abstraktesten, aber auch beklemmendsten, persönlichsten (Regie: Ruedi Häusermann), schlüpft die Schriftstellerin selbst in die Rolle der Rosamunde, die, flankiert von einem Musikerquintett, einen kaum einzudämmenden seelischen und sprachlichen Blutsturz erleidet. Hier zeigt sich, deutlich wie selten, die Sprachkomponistin Elfriede Jelinek, die lange hilflos versucht, inmitten von Streicherklängen und Percussionen, selbstspöttisches Lamento anzustimmen, aber über bloßes, hochrasantes Gemurmel nicht hinauskommt (grandios als Wortkaskadeurin Isabelle Menke). Das mag weitgehend schwer verständlich sein, verstehbar, nachvollziehbar und eindringlich ist es allemal. Am Ende scheidet auch Rosamunde aus der Welt, diesfalls aus der Redewelt - ihr versagt es die Stimme.

Jelinek brütet, aus drei unterschiedlichsten Perspektiven, ihr Dekonstruktionsfieber aus. Viel Triviales wird dabei ausgeschwitzt, aber auch viel Unbequemes über die Rollenreduktion der Frauen. Werden diese von Jelinek erdacht, haben sie auf der Bühne, zumeist ohnedies nur präsent als skelettierte, tranchierte Sprechgestalten, kein leichtes Leben. Und lässt die Literatin nicht alsbald von ihren Berg-, Hügel- und Mulden-Metaphern ab, läuft sie Gefahr, zur Luisa Trenkler der Schamhügel zu werden.

Dennoch: Hier ist eine hellwache, aufgeweckte Produktion gelungen, die im Finale viel Wachsamkeit erfordert und, im Bereich des Theaters, in die Kategorie "herbst"-Erwachen einzuordnen ist. Das Ensemble ist hochambitioniert, Andrea Wenzl hat ihre Talentprobe längst schon bestanden, Josefin Platt und Juliane Werner heben enorm konzentriert die Sprachmusik hervor, in der keine Dur, sondern die Tortur des (weiblichen) Sterbens vor dem Tode den Ton angibt. Reichlicher Applaus war der Lohn.

"Der Tod und das Mädchen I -- III". Schauspielhaus Graz. 29. 10.; 13., 14., 16., 20. und 22. 11. Karten: Tel. (0 31 6) 80 00

Werner Krause

erschienen in:
Kleine Zeitung   www.kleinezeitung.at