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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Überleben im Elend


Menschen, die an der Peripherie der Stadt im Schnee sitzen. Menschen, die einen Mann mit blutig geschlagener Stirn durch die Straße schleppen. Menschen, die statt der Zähne klaffende Löcher haben.

Trostlos hört sich das an. Ist es auch. Boris Mikhailov beschönigt nichts in seiner Fotoserie "Case History", in der er die Obdachlosen und Armen seines Heimatortes Charkov in der Ukraine porträtiert. Eine Krankengeschichte, die sich über unzählige geschundene, versehrte, ausgemergelte und erkrankte Körper erzählt. Mikhailov bricht diese Geschichte seiner Verlierer durch eine Inszenierung, die auf die christliche Ikonographie anspielt: Die nackte Frau, die gehoben wird, in der Motivik des Gekreuzigten. Der junge Mann, der von Frauen getragen wird, als ein zu Grabe gelegter Christus.

Es ist nicht nur dieses Wiedererkennen einer vertrauten Bildsprache, das "Case History" zu mehr als einem Stück Sozialvoyeurismus macht, es ist auch die Art, den/die BetrachterIn direkt anzusprechen, förmlich anzuspringen: Mikhailovs Porträtierte werfen uns ihre Blicke nicht zu, sie schleudern sie uns entgegen. Blicke, die fest sind und trotz entsetzlicher Umstände, einer grauenhaften Umgebung und der physischen und psychischen Verletzungen von einer gewissen Ungebrochenheit zeugen. Manche zeigen ihre Wunden ganz offen, stehen nackt vor uns, präsentieren ihre Tätowierungen oder einen Tumor - ein Exhibitionismus, der beschämend ist für eine Gesellschaft, die, fern solcher Probleme, ihrem Voyeurismus bei Talkshows à la "Ich entblöße mich gerne vor kleinen Mädchen - bin ich deshalb abnorm?" frönt.

Seltsamerweise schleichen sich in der Fotoserie immer wieder witzige, humorvolle Szenen ein. Kinder, die lachen oder drei Männer, die in einem Hinterhof beinander stehen und aussehen, als wären sie Kafkas "Verwandlung" entsprungen.
Das Leben ist entsetzlich. Irgendwie geht es aber doch weiter.

(8020 Graz, Mariahilferplatz 3, bis 24.11.2002)
http://kulturzentrum.minoriten.austro.net/

Nina Schedlmayer

erschienen in:
Artmagazine.cc, 18.11.2002   http://artmagazine.cc