home
newsletter subscribieren!
switch to englishdeutsche version  
   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

<<  zurück

Ein Musiktheater des Entsetzens
Salvatore Sciarrinos "Macbeth"-Oper beim 'steirischen herbst' in Graz


Graz - Das Grauen schleicht sich auf leisen Sohlen ein. Das Entsetzen artikuliert sich stotternd. Brutales geschieht fast lautlos und lässt die Menschen wie sprachlos zurück. Es ist die Wiederkehr des Immergleichen in ihrer Geschichte: Die Oper Macbeth von Salvatore Sciarrino, die nun beim "steirischen herbst" in Graz ihre österreichische Erstaufführung erlebte.

Der sizilianische Komponist rekurriert auf die Tradition und bringt Archetypen auf die Bühne. Er hat das Drama Shakespeares in eigener Textierung zusammengestaucht, aus den 27 Szenen (in fünf Akten) neun (in drei Akten) gefiltert (Drei namenlose Akte ist seine Werkbezeichnung), die rund dreißig Rollen auf dreizehn reduziert, für die fünf Solisten genügen (plus sechsköpfiger Chor).

Die wispernden, keuchenden, stöhnenden, ächzenden Töne, die abrupt endenden Melodienfloskeln, die Echoeffekte und Schlagzeuggeräusche sind die hörbaren Ereignisse einer akribisch gearbeiteten Partitur. Ein perspektivisches Klanggeschehen, hervorgebracht durch ein Orchester im Graben und ein zweites hinter der Bühne, hat ihre optische Entsprechung im Bühnenbild Achim Freyers, das Raumtiefe vortäuscht und die von hinten auftretenden Personen zunächst riesenhaft erscheinen lässt.

Die Dramaturgie ist anders als bei Shakespeare. Sie geht nicht geradlinig auf den letzten Auftritt des Macduff mit dem abgeschlagenen Haupt des Macbeth zu, sondern lässt den Schluss offen und gleicht mehr einer Schleife mit zurückgebogenem Ende: Die Geschichte kann und wird sich immer wiederholen. Dem abstrakten ersten Akt entspricht darin der dritte; der zweite Akt mit der Bankettszene und dem Erscheinen des Geistes von Banquo (waagrecht "stehend" unterm Plafond, also quer zur Gesellschaft) ist am anschaulichsten, auch in den goldschimmernden Kostümen Amanda Freyers.

Hier bringt Sciarrino auch ungeniert Zitate ein, die Musik zum Steinernen Gast aus Don Giovanni und Verdi-Klänge zum Tanz. Weniger deutlich, auch in Freyers Personenregie, kommen andere Elemente zur Geltung, etwa das Hexentreiben oder der vorrückende Wald von Birnam. In Graz wurde die italienisch syllabierende vokale Besetzung (überaus präzis auch hier Annette Stricker als Lady und Otto Katzameier als Macbeth) sowie die Ausstattung von Schwetzingen übernommen.

Für das Orchester und die musikalische Leitung wurden dagegen das Klangforum Wien und Dirigent Sylvain Cambreling verpflichtet, die hervorragende Arbeit leisteten.

Von Manfred Blumauer

erschienen in:
Der Standard, 11.11.2002   http://derstandard.at/