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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Polyphoner Dom in neuer Komposition
Vielstimmige Chor einer neuen Kunst-Architektur: Die Ausstellung "Latente Utopien" im Grazer Joanneum


Der vielstimmige Chor einer neuen Kunst-Architektur erklingt am steirischen herbst. Die Ausstellung "Latente Utopien" im Grazer Joanneum besingt letztlich die Erhabenheit des Raumes ebenso polyphon wie die Renaissancekomponisten die Dombauten ihrer Zeit - nur mit anderen Mitteln.

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 Es ist alles eine Frage des Mediums. Früher einmal war das Medium Nummer Eins der Liebe Gott, heute ist es - nein, nicht der Computer, sondern der Mensch selbst, der Einzelne und seine Erfahrungssucht nach sich und seinem Innenleben. Es könnte allerdings auch sein, dass es gar keinen Unterschied zwischen dem einen und dem anderen gibt.
Die Ausstellung "Latente Utopien", eine Koproduktion mit Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas, ist eines der hübschesten bunten Blätter am Kleid des heurigen Steirischen Herbstes. Hier singen die Architekten vielstimmig, aber sozusagen im gemeinschaftlichen Chor das Hohelied der Selbsterfahrung und der Transformation des Altbekannten in neue, auch mediale Dimensionen.
Jede der gezeigten Gruppen hat einen Raum oder einen Raumteil zugewiesen bekommen und mit dem allerlei angestellt: ihn verbaut, ihn mit Modellen, Tapeten, Sitzgelegenheiten et cetera komplettiert. Das Raumerleben der Besucher und damit das eigene steht hier an erster Stelle, das Etwas-mit-sich-Geschehen-Lassen, das Erfahren neu interpretierter Dimensionen - und das ist schon in Ordnung so, weil auch die Dombaumeister zu ihrer Zeit genau gewusst haben, mit welchen neuen Kniffen und nie dagewesenen Raumspektakeln ihre Kunden zu beeindrucken waren.
Die Schau der irakisch-britischen Architektur-Ausnahmeerscheinung Zaha Hadid und ihres Büropartners Patrik Schumacher, das sei vorweggenommen, ist gut geworden. Sie ist reichhaltig, vielfältig, sie bringt die wohl prominentesten Neudenker der planenden Zunft an einem Ort zusammen. Latente Utopien zeigt die Arbeiten einer ganz bestimmten kleinen, kräftigen - nicht zuletzt auch kräftig medial unterstützten - weltweit angesiedelten, sich untereinander austauschenden Architekturtruppe endlich auch in Österreich. Doch neu, das darf bemerkt werden, ist hier kaum etwas.
Aufmerksame Biennale-Besucher kennen nicht nur die Architektennamen, sondern auch diverse hier gezeigte Arbeiten, und wer Archilab in Orleans, die europäische Mutter aller solcher Veranstaltungen, besucht hat, hat eigentlich all dies bereits in verschiedenen Abwandlungen gesehen. Der selbe Architekturtroß zieht von Land zu Land, von Ausstellung zu Ausstellung, trotzdem: Vor allem interessierte Laien werden hier einen Eindruck nach Hause in ihre geraden vier Wände mitnehmen dürfen, was Architektur auch sein kann, vielleicht einmal sein wird: Nämlich ein gekonnter Mix aus Kunst, Wissenschaft, neuer Technologie, neuer Wahrnehmungsphilosophie.
Was will man mehr? Vielleicht einen neuen Titel für das Geschehen? Architunst oder Kunstitektur? Irgendwann einmal, zwischen den Spektakeln, beginnt man sich allerdings zu fragen: Was, um Gottes Willen, denken sie eigentlich neu, diese Architekturcouturiers? Was wollen die wendigen Morpher und Computerkomponierer überhaupt? Und was wollen sie uns mit ihren aufregenden Rauminstallationen und angeblich neuen Formen eigentlich sagen? Die Rauminterventionen deuten jedenfalls an, was wie neu gedacht werden kann. Sie zeigen auf, wie mit Material, Technik, Idee experimentiert wird, wie man mit primitiven Spiegeln und Lichtern ganz überraschende Raumeffekte erzielt, wie sich die verschiedenen Diszipline mehr oder weniger elegant zu einem Schaukabinett vermischen, und wie sie da drinnen miteinander spielen.

erschienen in:
Der Standard   http://derstandard.at/