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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Jackie Kennedy und die Märchenprinzen
Elfriede Jelineks "Prinzessinnendramen IV und V", uraufgeführt in Berlin. Im Trio: Jackie Kennedy, Ingeborg Bachmann und Sylvia Plath.


Märchenprinzessinnen sind in der Regel hübsche junge Damen, deren Bestimmung es ist, auf Prinzen zu warten. Nicht so bei Elfriede Jelinek. Sie zeigt in ihrem "Prinzessinnen"-Zyklus Frauen im Emanzipierungskampf.

Die Teile I bis III waren kürzlich beim "steirischen herbst" zu sehen, jetzt sind an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin Teil IV und V uraufgeführt worden - beide an einem Abend, inszeniert von Hans Neuenfels. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, obwohl Teil IV gegen den furiosen fünften etwas abfällt. Letzterer (Untertitel: "Die Wand") steht am Beginn, die umgekehrte Reihenfolge lässt einen besseren gedanklichen Bogen entstehen. Sylvia und Inge, die natürlich Wiedergängerinnen von Sylvia Plath und Ingeborg Bachmann sind, kochen Blutsuppe. Das soll - wie es im 11. Gesang der Odyssee heißt - die Toten anlocken, die die Wahrheit verkünden sollen. Doch die Köchinnen warten vergeblich. Am Ende machen sie sich auf in Richtung Unterwelt - dorthin wo Jackie, die Prinzessin aus dem vierten Teil des Zyklus, schon lange ist.
Jackie Kennedy, die Witwe des amerikanischen Präsidenten, wandert auf der Bühne zwischen riesigen Statuen hin und her. Man kann John F. Kennedy und Aristoteles Onassis erkennen, Männer, zu denen die Heldin auch als Tote noch aufblickt. Ihr Erinnerungsmonolog wird jedoch durch etwas anderes bestimmt - die Sorge um ihr Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit. "Man muss mit dem Kopf schöne Bewegungen machen", gibt sie zu Protokoll, "und diese Bewegungen dann zu einem Foto zusammenschnüren." Die Präsidentengattin wirkt tragisch und lächerlich zugleich. Sie will herrschen, aber wird beherrscht.
Elisabeth Trissenaar spielt die Figur mit einem Hang zur Melancholie. In jedem zweiten Satz klingt die Trauer über ein nicht gelebtes Leben durch, und das ist nicht gerade hilfreich.
Die widerborstigen Sprachbilder der Jelinek gehen immer wieder in Gefühlsduselei unter. Die Inszenierung versackt. Wer möchte gut eine Stunde lang dem Selbstmitleid einer alten Dame folgen? Der Text braucht Sarkasmus, Selbstironie und absurde Überspitzungen. Erst dann kann er richtig Funken schlagen. Almut Zilcher und Julia Wieninger machen es im ersten Teil vor. Sie sind Sylvia und Inge, zwei kochende Furien. Wenn sie verkünden, dass die Fleischregale im Supermarkt leer bleiben werden, weil sie den für die Lieferung bestimmten Stier als Opfertier geschlachtet haben, liegt Wahnsinn in der Luft. Die Stierhoden gehören selbstverständlich mit in die Suppe, und auch "das Ding". Schließlich wolle man sich von der vor-Ding-lichen Zeit verabschieden. Wenn im Text kalauert wird, kann sich auch die Inszenierung einiges erlauben. Da werden mit Lustgeschrei hartgekochte Eier guillotiniert und zarte Schnittlauchhalme mit Axthieben zerkleinert. Die Darstellerinnen sparen nicht mit grotesken Übertreibungen. Das Opferritual wird zur Gaudi, ohne dass dabei der tiefere Sinn verloren geht. Inge und Sylvia sind Schriftstellerinnen. Da ist es kein Wunder, dass sie sich Metaphern um die Ohren hauen. Die beiden kreiseln umeinander, verletzen sich mit nadelspitzen Wörtern, um sich kurz darauf gegenseitig in den Armen zu liegen. In ihren Grundüberzeugungen stimmen sie schließlich überein: Männer sind unmenschlich - Frauen nicht. Der Rest ist Selbstironie. "Alles, was wir fassen können, ist in unserem Geschirr", sagen die beiden. "Uns genügt es." Doch da sind sie längst schon zu Kriegerinnen geworden. Mit langen Speeren und Schwanenmützen verlassen sie ihre Küche und ziehen in die Unterwelt - Verliererinnen, die doch noch Gewinner werden könnten.
Das Stück ist Trash-Komödie und feinsinnige Sprachperformance in einem - ein unmögliches Stilgemisch. Doch gerade dieses Unmögliche ist interessant. Das Publikum applaudierte am Ende - auch der Autorin, die wieder einmal schillernde Texte vorgelegt hat: trivial, komisch, drastisch, poetisch. Diesen Prinzessinnen wird man in nächster Zeit im Theater sicherlich öfter begegnen. "Jackie und andere Prinzessinnen".

Von Elfriede Jelinek. Deutsches Theater Berlin, Kammerspiele

OLIVER KRANZ

erschienen in:
Kleine Zeitung, 27.11.2002   www.kleinezeitung.at