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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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In den Netzen der Live-Elektroniker
Eindrücke von den letzten Tagen beim Grazer "Musikprotokoll" - Das Publikum hat sich verweigert


"Steve Beresford, Keyboard", heißt es im Programmheft. Das bedeutet im Fall dieses britischen Musikers aber nicht, dass er auf Instrumenten mit Klaviertasten spielte. Der seriöse Herr im schwarzen Anzug mutiert auf dem Podium zu einem Daniel Düsentrieb der elektronischen Live-Klangbearbeitung. Als Ausgangsmaterial dienen ihm au-ßergewöhnliche Dinge, zum Beispiel ein elektrogetriebener Windfächler. Selbst eine Kaffeetasse wird ein multifunktionales Ding: Der Kaffee weckt die Improvisationsgeister, und das Porzellan macht auf dem Tisch Kratzgeräusche, die sich unmittelbar be- oder verarbeiten lassen.

Was klingt, hat bei dieser Art von Musik ohnedies meist keine Ähnlichkeit mehr mit dem tönenden Ergebnis. Der Deutsche Axel Döner zum Beispiel bläst oder haucht in die Trompete und mit dieser ins Mikrofon. Eine Hand hat er immer am Laptop. In einer Fünfzig-Minuten-Gruppenimprovisation beim Grazer "Musikprotokoll" hat kein einziger Ton nach konventioneller Trompete geklungen. Ähnlich hält es Döners Trio-Partner Kevin Drumm (USA). Die Gitarre hat er vor sich liegen, aber viel wichtiger als das Griffbrett sind die Drehknöpfe und Schieberegler. Anders der Dritte im losen Bunde, der deutsche Schlagzeuger Paul Lovens. Er experimentiert mit ganz echten Tönen. Seine Spezialität ist es, metallene Idiophone auf Trommeln zu legen. Auch da entstehen ganz fremdartige Effekte, die zur virtuellen elektronischen Umgebung in einem konstruktiven Spannungsverhältnis stehen.

Experimenteller Live-Elektronik gehörten nicht nur die letzten beiden Tage des heuer auf zwei Wochenenden aufgeteilten "Musikprotokolls" im "steirischen herbst". "Die Unschärferelation": ein vager Titel. Es ging einerseits um die Ergebnisse von (Gruppen-)Improvisationen, andererseits um Musiker und Ensembles auch aus sonst weniger deutlich wahrgenommenen Ländern im Osten und Südosten Europas.

Die Live-Elektronik ist natürlich ein Minderheitenprogramm innerhalb der Avantgardemusik, aber es scheint ein gutes Netzwerk internationaler Verständigung zu geben. Ensemblebildungen über Landes- und Kontinentgrenzen hinweg scheinen so selten nicht zu sein. Und wenn dem an solches nicht gewöhnten Hörer auch manche Klangergebnisse recht beliebig, ja: zufällig erscheinen mögen, dürfte es unter den Spezialisten eine tragfähige Basis der Verständigung geben.

Was die Publikumsresonanz betrifft, hat das "Musikprotokoll" derzeit beispiellos abgewirtschaftet. Die Schuld trifft unmittelbar die Veranstalter. Zwar wurde eine Programmheft-Broschüre gratis verteilt, doch sie enthielt meist wenig aussagekräftige Texte in verstiegenem Fach-Vokabular. Und statt anschaulicher Information über die eingeladenen Musiker gab es dutzendweise Internet-Links. Niemand dachte offenbar, das Ungängige dem Publikum schmackhaft zu machen.

Zum Nachlesen: In Graz wurde das Buch "Im Osten - Neue Musik-Territorien in Europa. Reportagen aus Ländern im Umbruch" vorgestellt. Autoren sind "Musikprotokoll"-Leiter Christian Scheib und Susanna Niedermayr (Pfau-Verlag, Saarbrücken).

REINHARD KRIECHBAUM

erschienen in:
Salzburger Nachrichten, 11.11.2002   http://www.salzburg.com/sn