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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Parallelaktion


Mit harten, bitteren ironischen Worten zeichnet Elfirede Jelinek in ihren eben erst am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführten Prinzessinnendramen das Bild der ewig unterlegenen Frau, die keine eigene Identität und Seele hat: "Sie konstituiert sich nur in der Spiegelung durch den Mann und die Bilder, denn nur ihr Aussehen und ihre Jugend können ihr Wert verleihen, nicht das Denken", schreibt Elfriede Jelinek über ihre Protagonistinnen.
Klassische Figuren In "Der Tod und das Mädchen I-III" treten mit Schneewittchen, Dornröschen und Rosamunde drei Prinzessinnen auf die Bühne und erkunden, wie sich ihre romantischen Utopien in unserer Gegenwart fortleben lassen.
In Jelineks Text haben sie ihre Geschichten und Hoffnungen bereits hinter sich, aber noch keinen Ersatz für ihre einstigen Illusionen gefunden. Dass das Machtspiel der Geschlechter für die Frauen stets schon vor dem Anpfiff verloren ist, darüber lässt Elfriede Jelinek nicht den geringsten Zweifel. Ironisch und überspitzt geht sie der Frage nach, was von diesen Frauen übrig bleibt, nachdem ihre Mythen entzaubert sind. Paarlauf x 3 Im ersten Teil irrt Schneewittchen auf der Suche nach ihrer Wahrheit durch den Wald, wo sie einem Jäger begegnet, hinter dem sich der Tod und die Wahrheit verbergen, für die sie blind ist.
Der Jäger, der der Frau jegliche Existenzberechtigung abspricht, erschießt Schneewittchen. Auf Schneewittchen folgt Dornröschen, das sich - eben aus dem Schlaf erwacht - einem "lieben Herrn Prinz" gegenüber sieht. Ihr Denken umkreist die Schwelle, an der etwas verloren geht und etwas Neues entsteht. Skeptisch und kritisch stellt sie ihren "Prinzen" in Frage, um dann doch in "ganz normalen Wahn" (so Jelinek) zu verfallen: Sie unterwirft sich freiwillig dem Prinzen, der in das Kostüm eines geilen Bären schlüpft und ihr das eines paarungswilligen Häschens überwirft.
Im letzten und persönlichsten Teil greift Elfriede Jelinek auf Helmina von Chezys Melodram "Rosamunde" (1824) zurück, für das Schubert die Zwischenmusiken schrieb. Eine nicht mehr junge Frau räsoniert, soeben dem Wasser entstiegen, in dem sie den Tod finden wollte, über ihr "Mobbing gegen sich selbst", über ihr Schreiben und ihr Leiden daran. Sie hat den Durchblick, doch es nützt ihr nichts. Kaum taucht einer jener Männer, die sie klein geschrieben hat, tatsächlich auf, übernimmt er das Kommando und schickt sie auf ein paar Trainingsrunden. Irgendwas hat sie falsch gemacht.
"Hätte ich vielleicht ein Mann sein sollen? Wäre das besser gewesen?" Mit Rosamunde versucht Jelinek auch ihre eigene Existenz als Schriftstellerin "irgendwie zu fassen", erklärt die Dramatikerin in ihren Nachbemerkungen zu den "Prinzessinnendramen". Von Hamburg... Das Hamburger Uraufführungspublikum reagierte am Dienstag mit freundlichem, lange anhaltenden Applaus. Bühnenbildner Thomas Schuster hat eine schlichte, graue Spielfläche zwischen die glatten Betonwände gestellt.
Der junge französische Regisseur Laurent Chétouane brachte in diesem nüchternen Ambiente Jelineks Sprache zum Schillern und Flirren. Über weite Strecken kommt dabei zwischen Bos- und Ernsthaftigkeit ein Witz zum Vorschein, der vielen Jelinek-Inszenierungen abgeht. ...nach Graz In Graz folgt bereits am Samstag die österreichische Erstaufführung. Dort setzen im Auftrag des steirischen herbstes drei verschiedene Regisseure die Dramolette in Szene: Die deutsche Dramaturgin und Regisseurin Brigitte Landes will im Dornröschen-Teil das Sprachliche betonen, der Brite Marc von Henning remixt den Text des zweiten Teils und mischt Live-Performance mit Video-Clips, der Schweizer Ruedi Häusermann nimmt Schuberts "Rosamunde" zum Ausgangspunkt einer musikbetonten Auseinandersetzung mit Teil drei. Die "Prinzessinnendramen IV und V" folgen dann im November am Deutschen Theater in Berlin. Hans Neuenfels inszeniert.

erschienen in:
ORF.ON   www.orf.at