home
newsletter subscribieren!
switch to englishdeutsche version  
   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

<<  zurück

Intensität durch Schlichtheit


Dass man da in einem Hakenkreuz sitzt, merkt man zuerst möglicherweise gar nicht. Man isst Gulaschsuppe, trinkt Bier, quatscht ein bisschen. Dann fällt plötzlich die eigenartige Anordnung der Tische und Stühle in dieser Arbeit von Rasa Todosijevic auf. Tatsächlich: ein Hakenkreuz mit Karo-Tischdecken. Die langsame Erkenntnis darüber entspricht dem verzögerten Wahrnehmen diktatorischer Systeme im Bewusstsein der Bevölkerung.

Mit Fragen der Repräsentation nationaler Identitäten beschäftigen sich die meisten KünstlerInnen aus Belgrad in der von Stevan Vukovic kuratierten Schau im vorübergehend als "Balkan Konsulat" fungierenden . So macht sich etwa Mihael Milunovic in seinem Marsch mit dazupassender Musik aus einem krachenden Ghettoblaster, im Zuge dessen er Flaggen mit fingierten Nationalsymbolen küsst, über derartige Inszenierungen lustig.

Über die antiquierten Vorstellungen vom Künstler als solipsistischem Genie reflektieren andere, wie Zsolt Kovac, im bürgerlichen Leben Mitglied einer Popgruppe, dessen Fotoserie mit dem vielsagenden Titel "Aesthetic experience develops supernatural abilities" einen esoterisch-sakralen Kunstbegriff auf die Schaufel nimmt: Die BetrachterInnen schweben vor den Bildern, die den ebenfalls schwebenden Kovac zeigen. Oder Dejan Andjelkovic und Jelica Radovanovic, die den Fleischhauer Milan Novcic, selbst verhinderter Künstler, gebeten haben, ihre Köpfe aus Faschiertem nachzubilden und damit das Künstler-Modell-Verhältnis wortwörtlich auf den Kopf stellen. Ähnlich subversiv agiert Tanja Ostojic, wenn sie King Szeemann auf der Biennale als Schutzengel stets freundlich lächelnd verfolgt und weibliche Rollenklischees durch ihre Perpetuierung ad absurdum führt.

Nicht nur ein kritisch-ironischer Umgang mit Fragen Politik und Kunstbetrieb betreffend ist den Arbeiten gemeinsam, sondern auch eine Schlichtheit, die oft recht eindeutig erscheint. Erst dadurch entsteht allerdings eine Intensität, der man sich schwer entziehen kann.

(8020 Graz, Belgiergasse 8, bis 21.12.2002)

Nina Schedlmayer

erschienen in:
Artmagazine.cc, 20.11.2002   http://artmagazine.cc