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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Theorie, in Musik übersetzt
Das "musikprotokoll" ging der "Unschärferelation" nach


Graz - "Die unvermeidliche Unbestimmtheit des Anfangszustandes verhindert eine exakte Vorausberechnung künftiger Bewegungen eines Teilchens." Diese aus der Heisenbergschen Unschärferelation folgende Erkenntnis stand in Graz Pate für ein musikalisches Programm, das dieses bahnbrechende Postulat auf die Produktion wie auf die Rezeption von heutiger Musik zu übertragen versuchte:

Christian Scheib, Chef des musikprotokolls, präsentierte nicht nur unterschiedlichste Musikrichtungen, sondern mischte auch die räumlichen und zeitlichen Rahmenbedingungen: Improvisationsmusik in der zur Plüschbar umfunktionierten Generalmusikdirektion oder Stummfilmcollage-Begleitmusik, ein Laptopduo im klerikalen Minoritensaal, physikalische Experimente als Ausgangspunkt für Performances.

Zwei Kernpunkte fungierten dabei als Koordinatensystem: zum einen die jeden Abend eröffnenden Experimente von Peter Brandlmayr, in denen eine Mixtur aus Film, Diaschau, Soundcollage und Körperperformance physikalische Größen wie die Zeit in komplexe ästhetische Wahrnehmung zu übersetzen versuchte; zum anderen die Konzerte des ensemble recherche und des Klangforum Wien. So unterschiedlich die Klangsprachen bei dem sich neuer Kammermusik widmenden Konzert des ensemble recherche auch waren, so sehr glichen sie sich in einer formalen und klangsinnlichen Statik.

Die Festivalprogrammatik der Unschärfe integrierte dabei vor allem die Russin Olga Rajewa in Intermezzo für Klarinette, Klavier und Violoncello. Instrumentalklänge und durch die Spieler selbst vorgetragene Sprachfragmente werden zu einem untrennbaren Amalgam vermischt. Das von Sylvain Cambreling geleitete Klangforum-Konzert im Stephaniensaal präsentierte brillante Ensemblekultur und endete mit einem regelrechten Reißer, den Freien Stücken von Joachim Widmann.

Bei den der freien Improvisation gewidmeten Konzerten fielen als Gemeinsamkeit die zumeist fast banale formale Gestaltung - leiser Beginn, Crescendo, Decrescendo, Verstummen - sowie die oft völlige Abwesenheit von körperlicher Anteilnahme am musikalischen Geschehen auf. Eine erfrischende Ausnahme boten Skunk aus Norwegen, die zwar auch nicht allen Klischees ausweichen konnten, aber handfest bei der Sache waren - vor allem aber das österreichisch-ungarische Abstract Monarchy Trio, dessen Musik höchst kontrolliert vorgetragene klangliche Intensität vermittelte.

von Robert Spoula

erschienen in:
Der Standard, 4.11.2002   http://derstandard.at/