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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Kunst und Wissenschaft in gebauter Symbiose
Die Helmut-List-Halle in Graz ist zugleich Opernhaus und Laboratorium für Akustik-Forschung.


Für den Steirischen Herbst hat das Herbergsuchen ein Ende, und Graz bekam einen neuen Opern- und Konzertsaal. Bei einem Popkonzert finden bis zu 2000 Zuhörer, mit Bestuhlung bis 1200 Gäste Platz in der Helmut-List-Halle. Der Namensgeber war Bauherr und bleibt auch Hauptnutzer: Professor Helmut List, Jahrgang 1941, Chef und Inhaber der auf die Entwicklung von Motoren und Meßsysteme spezialisierten und weltweit tätigen AVL.
Bis 2012 hat das Herbst-Festival einen Vertrag mit der AVL und steigt damit auf zum Ganzjahresveranstalter. Im Herbst 2001 sollte die zuletzt von der ins Trudeln geratenen Waagner-Biro genutzte Stahlhalle abgerissen werden. Da fanden Helmut List und Herbst-Intendant Peter Oswald zueinander. Außerdem stand das EU-Kulturhauptstadtjahr 2003 vor der Tür. Rasch reifte ein kulturell wie ökonomisch sinnvoller Plan: Der ruinöse Stahlbau wird zu einem Akustik-Labor umgebaut, das auch anspruchsvollsten Musikbetrieb aufnehmen kann. Und wo auch für Tonaufnahmen beste Bedingungen herrschen.
Helmut List holte sich Rat beim Dirigenten Nikolaus Harnoncourt, bei den Komponisten Beat Furrer und Bernhard Lang, dessen Opus magnum "Das Theater der Wiederholung" am 4. Oktober 2003 uraufgeführt wird, sowie beim Sänger Thomas Hampson. Der Klangraum (44 mal 31 mal 12 Meter) hat einen gefederten Estrich und Fußbodenaufbau, Wände aus Massivholz, eine schwingend abgehängte Decke und ein System variabler Flächen, mit deren Hilfe der Nachhall von extrem kurz bis extrem lang reguliert werden kann. Architekt Markus Pernthaler hat das 14 Meter hohe Foyer luftig-leicht gestaltet: mit viel Glas unter der Aludecke, mit kunstledertapezierten Paneelen, die den Sichtbetonwänden Gewicht nehmen. Von einem geglückten Dialog von Wissenschaft und Kunst sprach Helmut List bei der Vorstellung seiner Halle. Was die Akustikforscher dort treiben? Längst ist das erste Ziel, die Reduzierung von Geräuschen im Fahrzeugbau, überholt vom Bestreben, dem Auto einen angenehmen und zugleich für die Marke charakteristischen Sound zugeben. List spricht vom "Erlebnis-Charakter" und von der Notwendigkeit, zwischen den von der Technik hochgeschraubten "Freiheitsgraden" (dank immer ausgeklügelteren elektronischen Systemen) "Brücken zur Empfindung des Menschen" zu schlagen.
Dem Herbst-Intendanten Peter Oswald bringt die neue Halle endlich einen Ort für neues Musiktheater. Die Kunst hat längst das traditionelle Vis-à-vis von Bühne und Publikum gesprengt. Der Hallenraum läßt sich flexibel gestalten. Ein Anreiz auch für die Architektur. Für die Halle sollen spezielle Kompositionsaufträge vergeben werden. Nicht nur der Steirische Herbst zieht schon heuer mit Programmen ein. Schon bald gastieren dort große Orchester.

HANS HAIDER

erschienen in:
Die Presse, 09.01.2003   www.diepresse.at