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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Freilegung eines Mythos
"Begehren" zeigt Szenen von Einsamkeit und Entfremdung.


Im Zentrum des Musiktheaters "Begehren" steht der Orpheus-Mythos. Der antike Stoff wird aber nicht nacherzählt. Die Oper setzt sich vielmehr aus zehn losen aneinander gereihten Szenen zusammen, denen Texte verschiedener Autoren zu Grunde liegen.
"Für mich ist es nicht unproblematisch auf den Orpheus-Mythos einfach zurückzugreifen und vorauszusetzen, dass er uns heute noch dasselbe sagt wie vor zweitausend Jahren", meint Beat Furrer. In dieser Hinsicht wird der Mythos aus den Perspektiven verschiedener Autoren betrachtet.
Schichtarbeit
"Ich stelle mir das Ganze als eine Art Palimpsest vor, als eine Überlagerung von Textschichten. Diese werden im Zusammenlesen plötzlich wieder lebendig. Einzelne Schichten leuchten durch und geraten im Laufe des Werks speziell in den Blickwinkel. Allmählich wird Schicht um Schicht restauriert. Als Fundament dienen freilich die Texte von Ovid und Vergil, die den Mythos in knappen Worten wunderbar umreißen." Für die weiteren Schichten hat der Komponist Texte von Cesare Pavese, Hermann Broch und Günter Eich verwendet. Gemeinsam mit Wolfgang Hofer und Christine Huber hat er das Libretto entwickelt.
Ich war Orpheus
Die Männergestalt, die in Beat Furrer Musiktheater agiert, verkörpert für den Komponisten bemerkenswerter Weise nicht Orpheus. "Diese Figur sagt von sich selbst nicht: 'Ich bin Orpheus', sondern 'Ich war Orpheus'."
Eine ganz spezielle Sicht auf den Orpheus-Mythos bietet der Text von Cesare Pavese an. Hier erklärt der Protagonist, dass er in der Unterwelt nicht auf der Suche nach Euridike war, sondern nach sich selbst. Und dass sein Blick zurück absichtlich geschah, um den brutalen Kreislauf des ewigen Lebens und des Sterbens zu durchbrechen. Die Männergestalt entwickelt sich in Laufe der Oper von Sprechen hin zum Gesang. Doch der tatsächlich gesungene Ton wird ihm verwehrt. In dem Moment, wo er zum Singen absetzt, bricht die Szene ab. Umgekehrt verhält es sich mit der Frauengestalt in "Begehren". "Diese Figur der Euridike wirkt am Anfang wie eine stilisierte Gestalt hinter einer Museumsvitrine. Nach und nach wird sie aber lebendig und schließlich zur realen Gestalt. Sie ist aus ihrer Erstarrung erwacht."
Aria
Diese Entwicklung vollzieht die Frauengestalt in der Schlussszene des Musiktheaters "Begehren". Dieser Szene liegt ein Text von Günter Eich zu Grunde, in der die Frau eine Rede an einen von ihr geliebten Mann richtet, der sie verlassen hat. Während sie spricht, vollzieht sich in ihr der Prozess der Loslösung. Diese Szene der Oper ist von besonderer Bedeutung insofern das Musiktheater "Begehren" davon ihren Ausgang genommen hat. Ursprünglich war diese Szene ein für sich stehendes Vokalwerk mit dem Titel "Aria", das 1999 entstanden ist. Auf Anregung von Peter Oswald schuf Beat Furrer zwei Jahre später um dieses Werk sein Musiktheater.

Ursula Strubinsky

erschienen in:
ORF ON, 07.01.2003   www.orf.at