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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Unter dem Auge, am existenziellen Rand


Zwei gewichtige Präsentationen steuern die Minoriten-Galerien zum "steirischen herbst" bei: Boris Mikhailovs "Case History" und Mark Wallingers "Seeing Things". Das von den Kuratoren Johannes Rauchenberger und Alois Kölbl zitierte "christliche Bildgedächtnis" ist ein gemeinsamer Nenner, der jedoch nicht über Gebühr strapaziert wird.
Mit einer 1999 auf Londons Trafalgar Square aufgestellten, 2000 auch in der Wiener Secession gezeigten lebensgroßen "Ecce Homo"-Figur erregte der 43-jährige Engländer Wallinger Aufsehen, das er 2001 bei der Biennale von Venedig einlöste. Den britischen Pavillon bespielte er mit mehreren Installationen, eine davon, "Treshold to the Kingdom", ist nun auch in Graz zu sehen - Beispiel für den Umgang des Künstlers mit unterschiedlichen (Zeichen-)Systemen.
Das Video zeigt Ankommende in Heathrow beim Überschreiten der "Schwelle zum Königreich". Ein Miserere von Gregorio Allegri und extreme Zeitlupe verwandeln das profane Bild subtil in ein spirituelles. "Spirit" heißt eine Arbeit, die mit hintergründig-dadaistischem Witz vom "Geist in der Flasche" handelt, im Wortsinn eine Spiegelung von Vorstellungen des Sublimen ist. An erste und letzte Dinge rührt so einfach wie intensiv das Video "On an Operating Table" vulgo "Eye": Wie ein Auge wirkt eine Operationslampe, zu deren Pulsieren in Schärfe und Unschärfe Stimmen den Satz "Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott" buchstabieren.
Von mehreren Leidenswegen erzählt "Case History", der große Fotozyklus, den der 1938 geborene Boris Mikhailov nach dem Zerfall der Sowjetunion in seiner ukrainischen Heimatstadt Charkov begonnen hat. In schonungslosen, aber von großer emotionaler Nähe zeugenden Bildern wird wahrlich eine "Fallgeschichte" sichtbar. Indem er die Deklassierten auch in "klassischen" Darstellungsformen - Kreuzabnahme, Beweinung, "Ecce Homo" - ins Zentrum rückt, macht Mikhailov empfindlich für existenzielle Extremlagen, die auch von Bildern nicht gelindert werden können.


Boris Mikhailov. Minoriten-Galerien, Graz, Mariahilferplatz 3/II.
Mark Wallinger. Minoriten-Galerien im Priesterseminar, Graz, Bürgergasse 2. Beides bis 24. November.

Walter Titz

erschienen in:
Kleine Zeitung, 07.11.2002   www.kleinezeitung.at