home
newsletter subscribieren!
switch to englishdeutsche version  
   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

<<  zurück

Das "musikprotokoll" blickt in den Osten
Die Osterweiterung betreibt auch das "musikprotokoll". Seinen zweiten Abend dominierten Laptop-Künstler und das "ensemble recherche".


Einen neuen Partner hat das "musikprotokoll", die vom ORF ausgerichtete Konzertleiste des "steirischen herbstes", in der "Diagonale" gefunden. Das ebenfalls in Graz angesiedelte österreichische Filmfestival zeigte heuer im März die Kapitel 7 bis 12 von Gustav Deutschs Endlosprojekt "Film ist" mit dem Soundtrack von Werner Dafel-decker, Christian Fennesz, Martin Siewert und Burkhard Stangl. Live vertonten diese vier elektronisch improvisierenden Wiener Komponisten nun im Schubertkino die von Gustav Deutsch aus kurzen Stummfilmszenen eigens für das "musikprotokoll" erstellte Version "Film ist. Musik". Eine ebenfalls maßgeschneiderte Arbeit des Quartetts, die das historische Filmmaterial akustisch illustriert, verstärkt, kommentiert oder kontrapunktiert - über weite Strecken aber doch im Hintergrund bleibt. Nicht zuletzt in den Dienst der Osterweiterung stellt Programmchef Christian Scheib, der dazu gemeinsam mit Susanna Niedermayr die Reportagensammlung "im osten - neue musik territorien in europa" im Pfau Verlag (11,90 Euro) herausgegeben hat, das heurige "musikprotokoll". Auch in den potenziellen EU-Beitrittsländern gewinnen offenbar die Laptopmusiker an Terrain. Um Mitternacht präsentierte sich das polnische Duo "Viön & Mem" (alias Artur Jaworski und Kamil Antosiewicz) im Minoritensaal, wo es den in konzentrischen Halbkreisen sitzenden Zuhörern im Surround-Verfahren eine Dreiviertelstunde lang seine aus weißem Rauschen und Sinuswellen gespeisten Sounds vorsetzte. Zuvor stellte sich das ebenso virtuos wie sensibel musizierende "ensemble recherche" im Minoritensaal mit Live-Klängen ein. Abgesehen von der Österreichpremiere des heuer in Witten aus der Taufe gehobenen "Concerto I" des Franzosen Brice Pauset, der selbst am Cembalo Botschaften aus einer fernen, versunkenen Welt beisteuerte, galt dieses Konzert den Uraufführungen zweier Auftragswerke des "musikprotokolls". In "Opera instabile . . . voci invisibili" befleißigt sich der 36-jährige Bulgare Dragomir Yossifov einer ungleich avancierteren Tonsprache als sein komponierender Kulturminister Bojidar Abrashev. Yossifov, der in seiner Heimat auch als Dirigent eine wichtige Rolle spielt, operiert in seinem Septett mit lang liegenden Haltetönen, lässt die unsichtbaren Stimmen geheimnisvoll flüstern. In ruhigem Duktus baut er ein Kontinuum auf, in das immer wieder Fremdkörper eindringen. Eine viel turbulentere Grundhaltung prägt das "Intermezzo" der 31-jährigen Russin Olga Rajewa. Ihr Trio beginnt sehr erregt, wobei der Pianist meist die Saiten anreißt und nur selten die Tasten anschlägt. In starkem Kontrast dazu ist der zweite Teil am Rand der Hörbarkeit angesiedelt, sind von der Klarinette nur Anblasgeräusche zu hören, begnügt sich das Cello mit Pizzicatotönen, bis alle drei Musiker zu sprechen beginnen und Wortfetzen eines Textes des von der Justiz verfolgten Autors Wladimir Sorokin zu verstehen sind.

Ernst Naredi-Rainer

erschienen in:
Kleine Zeitung, 3.11.2002   http://www.kleinezeitung.at