home
newsletter subscribieren!
switch to englishdeutsche version  
   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

<<  zurück

Termiten im Endzeit-Tunnel
Privat und öffentlich: "Enactments of the Self" im "steirischen herbst"


Klopfzeichen aus dem Tunnel. Der impovisierte, aus Holz, Karton und Stahl gefertigte Kriechgang zwischen zwei Gebäuden ist belebt, durch Ritzen fällt der Blick auf seltsame, bedrohlich wirkende Wesen, die einem Hollywoodfilm, "Rollerball" etwa, entsprungen sein könnten. In diesem Tunnel, der zwei Ausstellungsräume miteinander verbindet, arbeitet und lebt der US-Künstler Ward Shelley, dessen mit Videokameras begleitete Rückzugs-Performance mit Endzeit-Charakter auch als Kommentar zur Durchdringung von privaten und öffentlichen Räumen zu verstehen ist. Shelleys "Termiten"-Aktion ist der stimmigste Beitrag zur Grazer "herbst"-Ausstellung "Enactments of the Self", die sich existenziellen Künstler-Fragen widmet und dabei auf eine festgelegte, statische Prä-sentation verzichtet.

Konzerte von Brenda Fassie, Abendessen, Performance, Irritation im öffentlichen Raum, Einladung zur Interaktion: Die von Kuratorin Maia Damianovic eingeladenen Kunstschaffenden suchen nach direkten Wegen zum Publikum, verstecken sich nicht in der sicheren Höhle eines Whitecube-Kunstambientes.

Wieder einmal geht Kunst auch auf die Straße

Dass man sich auch im Bemü-hen um Originalität verzetteln kann, beweist Barbara Holub mit ihrer gut gemeinten, aber zu sehr um die Ecke gedachten Einladung zu "Zaungesprächen" in simulierter Gartenidylle. Ein berührendes Zeugnis über langwierige Selbstfindung ist eine der 66-jährigen Transsexuellen Solveig gewidmete Videoarbeit der Dänen Gitte Villesen und Lars Erik Frank. Irene Dapunt stellt über eine Plakatwand im Roseggergarten unter anderem die Frage, ob Wünsche im Gesichtsausdruck lesbar sind.

Nachgestellte Oneminutesculptures von Erwin Wurm, kommunikationsdienliche Buffets, organisiert von der britischen Künstlerin Lucy Orta, mobile Selbstdarstellungsplattformen (Carolina Caycedo), multifunktionale Fortbewegungsmittel (N55), Tanzperformances (Lygia Pape) oder ein transparentes Fernsehzimmer auf dem Hauptplatz (Maja Bajevic/Emanuel Licha): zwischen Straßentheater-Flair und Partizipationsdrang pendelnd, schwingt "Enactments of the Self" in den urbanen Raum aus, bietet im Grazer Baustellen- und politischen Stimmenfang-Dschungel sanfte Reibeflächen oder geht - wie im Fall der lieblos arrangierten Kendell Geers-Lachsalven - total unter.

Für (beschränkte) Verbreitung der diversen Aktivitäten sorgen die mit Low Tech-Charme behafteten "Postits" von Edda Strobl sowie Reportagen via "Radio Helsinki", einem von Ex-Ätherpiraten gegründeten freien Radio. Die Aktionen sind bis 24. 11. zu sehen, Info: www.steirischerbst.at

MARTIN BEHR

erschienen in:
Salzburger Nachrichten, 16.11.2002   http://www.salzburg.com/sn