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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Orpheus singt nicht mehr
Die szenische Uraufführung von Beat Furrers Oper „Begehren“ in Graz entwirft Szenarien der Einsamkeit


Geräuschklänge des Atmens
Furrer ist kein eloquenter Komponist. Seine Musiksprache hat etwas ausgesucht Kompliziertes und Verstiegenes. Man kann sich seinen Schaffensprozess sehr gut vorstellen als ein unermüdliches Klettern und skrupulöses Vorantasten in den Labyrinthen seines kompositorischen Ichs. Bis in die letzte dialektische Windung folgt er den Stoffen, liefert sich Widersprüchen aus, tüftelt an Strukturen, sucht nach einem destillierten Ausdruck. In Narcissus hat er sich am antiken Mythos von Narziss und Echo abgearbeitet und den eitlen Jüngling, der an der Unerreichbarkeit seiner Eigenliebe zugrunde geht, als vielfach gebrochene „prozessuale“ Figur auf die Bühne gebracht: Wie das verführerische Spiegelbild der mythischen Figur auf der Wasserfläche bei der ersten Berührung zerspringt und zerrinnt, so löst sich im Stück auch die Erzählung aus den Metamorphosen des Ovid in ein multiperspektivisches Reflexionstheater auf. In seinem neuen Werk für das Musiktheater, Begehren, das jetzt in Graz szenisch uraufgeführt wurde, spürt Furrer dem Orpheus-Mythos nach – wieder als Geschichte des Scheiterns, die jeden erzählerischen Gestus verweigert, wieder mit einer fragmentierten Sprache und um und um gewendeten musikalischen Motivpartikeln. Von der ersten Szene an verblüfft die Erkenntnis: Orpheus singt nicht. Er flüstert nur, stottert Silben, Vokale, Halbsätze, zischt Konsonanten, atmet geräuschhaft in melismatischen Bögen.
Eine rasante Entwicklung, die der thrakische Ursänger in der Geschichte der Oper durchläuft: Bei Monteverdi, zu Beginn des 17. Jahrhunderts, steht er noch für die Geburt des ungebundenen künstlerischen Individuums, für den exaltiert sich in Tönen verströmenden Menschen, der seinen Gefühlen so machtvoll Ausdruck verleiht, dass er mit seinem Gesang Steine erweichen kann und die Grenze zum Tod zu überschreiten vermag. Bei Gluck, der ebenfalls eine Oper über Orphée et Euridice geschrieben hat, werden die buntscheckige Formenvielfalt des Barock zu schlichter durchkomponierter Ausdruckswahrhaftigkeit veredelt. Auch dort überstrahlt Orphées Künstlergloriole den Abgrund des verbotenen Blicks zurück: Überwältigt von der Liebesfähigkeit des Sängers, erweckt Amor am Ende die tote Euridice erneut zum Leben und führt das Paar zusammen. Das spätmoderne Musiktheater von Beat Furrer indes entwickelt nur noch die Gebrochenheit des mythischen Helden. Der Komponist entzündet seine musikalische Fantasie gar nicht erst am grenzüberschreitenden Gesang des Orpheus, sondern lässt sein Stück gleich mit der Katastrophe beginnen: „Und wandte mich um.“
Die Beziehungslosigkeit zwischen Orpheus und Eurydike (im Libretto „Er“ und „Sie“ genannt), ihre Unmöglichkeit, zueinander zu kommen, ist das zentrale Thema der zehn Szenen. Über weite Strecken mutet die Oper an wie zwei übereinander geblendete Einsamkeitsmonologe, kontrapunktiert von einem antikischen Chor und einem schemenhaft irrlichternden Ensemblesatz. „Weiß ich noch deinen Namen?“, fragt er stammelnd. „Liegt doch die Nacht zwischen uns wie ein schwarzes Gebirge“, singt sie in entrückten Vokalisen. „Deine Einsamkeit verdoppelt die meine.“
Aus Textbrocken von Ovid, Vergil, Hermann Broch, Cesare Pavese und Günter Eich hat sich Furrer sein wortkarges Libretto zusammengestellt und es musikalisch in eine Nachtschattenatmosphäre gebettet, die das Ensemble Recherche und das Vokalensemble Nova (unter der Leitung des Komponisten) bei der Uraufführung suggestiv einfangen. Wie vorbeizuckende Lichtpunkte bei der rasenden Fahrt durch eine schwarze Tunnelröhre klingen die verhuschten Motivkürzel manchmal – schnell verlöschende Streichertremolandi, Schlagzeugtuscheln, Zischgeräusche, gestopfte Blechbläsertöne. Dann wieder scheinen Ensemblesatz und Chorstimmen nur dem dunkel assoziativen Gedankenstrom der Protagonisten zu folgen, fassen ihre inneren Monologe in Klang, fügen sich zu düsteren Gesten der Beklemmung und der Ausweglosigkeit oder schwingen sich sirrend auf zu einem Ton schmerzlichen Sehnens. Nicht Euridice (Petra Hoffmann) löst

Claus Spahn

erschienen in:
Die Zeit, 16.01.2003   http://www.zeit.de