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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


pressespiegel

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Zwischen Tigermotte und Rosenblättern
Josef Winklers szenische Befragung "Tintentod"wird ab morgen beim "herbst" in Neuversion gezeigt. Wir befragten ihn szenisch weiter.


Nein. Zum Tagesgeschehen würde sich Josef Winkler, der Ackermann aus Kärnten, nie äußern. Und auch zum "Tintentod" hat er in der Kleinen Zeitung schon alles gesagt. Was natürlich nicht heißt, dass ihn nicht beschäftigt, belustigt, aufregt, beizeiten erzürnt, was derzeit seine Wege kreuzt. "Fragen Sie mich, was Sie wollen," bietet Winkler von Zeit zu Zeit dann an, verreist, geht in sich und feilt penibel an Antworten auf die - eine Grundbedingung - stets schriftlich zu stellenden Fragen. Hier das Ergebnis dieser "szenischen Befragung" auf andere Art:

Was bedeutet Heimat für Sie?
WINKLER: Graue Tigermotte, Hundsveilchen auf dem Grab jugendlicher Selbstmörder, weiße Fleischblumen, Schwalbenschwanz, Chrysantemen - Frohe Allerheiligen! - Purpurbär, veilchenblaue Fleischblume am rechten Auge, rosarote Fleischblumen auf dem Kindergrab - Frohe Allerseelen! - Trauermantel, Blaukop, Trauerspinner, Schwarzes C.

Was halten Sie von der österreichischen Regierung?
WINKLER: Ich nenne diese Regierung das "Schwarze C". Agrótis C Nigrum. Dieser Schmetterling legt seine Eier an Taubennesseln, Hühnerdarm, Weiderich, Primeln und andere "niedere Pflanzen". Das Schwarze C ist leicht zu züchten. So die botanische Auskunft. Ich frage mich oft, wie viele Menschen in diesem Land so entsetzt waren bei dieser Regierungsbildung, dass sie schwer krank wurden und schließlich gestorben sind.

In Ihren Romanen gehen Sie mit der katholischen Kirche hart ins Gericht. Was sagen Sie dazu, dass es fast nur noch Ministrantinnen gibt?
WINKLER: Dass man bei Messen die kleinen Buben mehr oder weniger aus dem Verkehr gezogen hat, ist mir noch nicht aufgefallen, da ich meistens nur eine Kirche betrete, wenn keine Messe gelesen wird. Ich gehe zu keinem Gottesdienst, da mir die Predigten, ob von einem Bischof oder von einem Dorfpfarrer, immer Angst, oft Todesangst bereiten. Heute noch bekomme ich um sieben Uhr Angst, wenn die Abendglocken läuten.

Ihre römische Novelle "Natura morta" wird vom Wiener Regisseur Michael Pfeifenberger fürs Kino verfilmt. Was ist das für ein Gefühl? Speziell für jemanden wie Sie, der in Bildern schreibt?
WINKLER: Als Jugendlicher wäre ich gerne Filmvorführer geworden. Abend für Abend bin ich in Klagen
furt in die alten, muffigen Kammerlichtspiele gegangen. Eine Kinoleinwand habe ich immer als ein Stück Himmel empfunden, der auf die Erde gefallen ist, den große Filmemacher wie ein Stück Haut an eine Wand gespannt und feinkörnig bemalt haben.

Sie sind, was nur wenig bekannt ist, auch gegen Extremsportarten?
WINKLER: Schwergewichtsboxen und Formel I würde ich verbieten. Ich denke öfter an die Mutter der beiden Schumachers - wegen ihres langen Kinns nenne ich sie die "Gebrüder Dalton" (Anm.: aus den Lucky- Luke-Cartoons) -, die beim übernächsten Rennen miterleben könnte, wie ihre beiden Söhne mit 300 km/h aufeinanderfahren und die Daltons tot sind.

Wie sind eigentlich Sie zu Ihrem ersten Auto gekommen?
WINKLER: Die Zeitschrift "Playboy" hatte vor ein paar Jahren einen Wettbewerb für erotische Literatur ausgeschrieben. Die Jury entschied sich für meinen Text. Die Preisübergabezeremonie fand kurioserweise in München in der Soldatenkirche einer aufgelassenen Kaserne statt. Der Boden der Kirchentoilette war mit tausenden Rosenblättern bestreut. Die Schauspielerin Christine Kaufmann gesellte sich zum Siegerfoto, als ich, mit roten Rosenblättern an den Fußsohlen, auf den Altar zuschritt und die Auszeichnung übernahm. Mit dem Preisgeld hat meine Frau einer Düsseldorfer Witwe das Auto abgekauft.

Worüber schreiben Sie derzeit?
WINKLER: Da ich jetzt einen Text über Abendglocken schreibe, stieg ich dieser Tage in Begleitung von Monsignore Mairitsch auf den Stadtpfarrkirchturm hinauf. Auf den Dom schauend, unterbrach ich unser langes Schweigen. "Wissen Sie, Monsignore", sagte ich, "man muss nicht alles an die große Glocke hängen, auch mich nicht!" - "Sie haben Recht, Herr Winkler!"

Notiert von Uschi Loigge

"Tintentod". Neufassung von Josef Winkler. Schauspielhaus, Probebühne. Premiere am 27. Oktober um 20 Uhr.
Karten: Tel. (0 31 6) 81 60 70steirischer herbst
Fotogalerie zum Festival

Uschi Loigge

erschienen in:
Kleine Zeitung   www.kleinezeitung.at