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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


steirischer herbst 2002
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Barbaren
Kampfvokabel der Gegenwart
Symposion
Konzept     Theo Steiner
Ort   Universität Graz, Wallzentrum
Termin   14. - 16. 11. 2002, jeweils ab 10 Uhr
 
Kooperation    steirischer herbst und Universität Graz


„Die Angstobsession unserer Zivilisation heißt ‚Barbarei‘” (Jan Philipp Reemtsma). Aber um wessen Zivilisation geht es und wo befinden sich die Barbaren – in der vermeintlichen Wildnis oder in der vermeintlichen Zivilisation? Der Zivilisationstheoretiker Norbert Elias bemerkte, dass mit jeder Einschränkung der menschlichen Triebnatur diese umso bedrohlicher erscheint, worauf sie mit noch größerem Einsatz eingeschränkt wird. Auf diese Weise sollte die menschliche Lebenswelt unweigerlich immer zivilisierter werden. Mörderische Exzesse oder politischer Terrorismus im großen Maßstab werden deshalb oft als „Rückfall” in die Barbarei interpretiert. Doch Zivilisiertsein verhindert ganz offensichtlich nicht das Verüben abscheulicher Gewalttaten. Wie Isaiah Berlin feststellte, ist es sehr wohl möglich, „ein hohes Maß an wissenschaftlicher Erkenntnis und Fertigkeit und ganz allgemein an Kultur zu erlangen und dennoch andere Menschen gnadenlos zu vernichten”. Unsere Zeit und die Reflexion über sie sind geprägt von gewalttätigen Identitätskonflikten. „In Bosnia or Belfast or the Basque country, culture isn't just what you put in the CD player or gaze at in the gallery: culture is what you kill for” (Terry Eagleton). Partikularistischen Interpretationen von Kultur steht der Universalismus der Moderne gegenüber: die Vorstellung, dass jeder Mensch Anspruch auf Freiheit, Respekt, Gleichheit und Selbstbestimmung hat, indem er oder sie Mitglied der Spezies ist. Es sind nicht bloß „undemokratische” staatliche Akteure oder „Terrorpaten”, sondern etwa auch VertreterInnen institutioneller Religionen, die hingegen behaupten, die Menschenrechte seien bloß „westliche” Werte. Soll in diesem Sinn also der Relativismus das letzte Wort haben: „Jeder Kultur ihre Barbaren?” In den Debatten der letzten Zeit war „barbarisch” jedenfalls eines der häufigsten Schlagworte: für die Ermordung des Journalisten Daniel Pearl vor laufender Kamera und die Erschießung von Sanitätern des Roten Halbmonds ebenso wie für den Terroranschlag auf das World Trade Center. Und im israelisch-palästinensischen Konflikt zählt diese Kampfvokabel seit Jahren zum Standardrepertoire der Auseinandersetzungen. Dabei muss der Barbarenbegriff nach der Kolonialismuskritik der letzten Jahrzehnte eigentlich als anstößig gelten. Was macht ihn dennoch zu einem zentralen Terminus politischer Kontroversen? Der Wunsch nach rhetorischer Übertreibung und die Tatsache, dass sein impliziter moralischer Rigorismus so verführerisch klare Verhältnisse suggeriert? Oder sind reale oder fiktive Barbaren einfach unverzichtbar für die Konstituierung eines jeden „zivilisierten” Gemeinwesens? Und unter welchen Bedingungen wirkt barbarische Grausamkeit nicht nur für politische, sondern auch für intellektuelle und ästhetische Praxis als verlockendes Phantasma?
Theo Steiner.


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