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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


steirischer herbst 2002
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Fremdkörper [06.06.2002]

Das Fremde hat viele Erscheinungsformen. Nur eine nicht: die Einsamkeit. Denn wahrgenommen wird es nur im Wechselspiel mit dem eigenen Ich. Kaum über den Akt der Zuschreibung identifiziert, folgt sogleich die Exklusion. Hand in Hand mit einer moralischen Bewertung (das Fremde: unbekannt, beängstigend, daher abzulehnen; das Eigene: seit Jahren praktiziert, gefällt uns gut) ergibt sich daraus immer wieder eine Spirale des Wahnsinns, die im Laufe der Geschichte zu Ablehnung, Ächtung und physischer und psychischer Verfolgung führte.

Auf die Erfahrung von Fremdheit folgt also häufig ein Gefühl der Angst, Abgrenzung wird zum konstituierenden Merkmal im Umgang mit ? vorgeblich ? unbekannten Erscheinungsformen. Denn letztendlich, so lehrt uns die Psychoanalyse, ist uns nur das Eigene, das Innerste fremd; der Wunsch nach Abwehr richtet sich gegen die unbewältigten Schichten des eigenen Selbst. Die Funktion des Fremden besteht auch darin, dass es die Profilierung des Eigenen befördert.

Besonders Künstlerinnen und Künstler, die sich zu einem Gutteil mit dem Infragestellen ihrer eigenen, aber auch der gesamtgesellschaftlichen Praxis auseinandersetzen, sind allzu oft mit Ablehnung konfrontiert, gerade weil ihre Arbeit den vorherrschenden Konsens von Norm durchbricht.

In diesem Zusammenhang kann die Geschichte des steirischen herbst gelesen werden. Das Festival als Indikator für gesellschaftliche Veränderung und als Beweis für das Unbehagen, damit Jahr für Jahr konfrontiert zu werden. Der steirische herbst 2002 versucht ? selbstreflexiv, keinesfalls aber selbstreferentiell ? die eigene Position als potentieller Fremdkörper bewusst wahrzunehmen und zu thematisieren. Ziel ist die Analyse und das Anbieten von Modellen des Dialogs, nicht aber Provokation oder unkritische Affirmation. Das Verstehen ? nicht das Aneignen ? des Anderen wird zur substantiellen Form, einer künstlerisch geprägten Wirklichkeitserfahrung.