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   suche   steirischer herbst, 24. Oktober - 24. November 2002


steirischer herbst 2002
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Dramaturg Wolfgang Reiter zum Stück:

Elfriede Jelineks Prinzessinnendramen umkreisen auf höchst raffinierte Weise die Themen Wahrheit, Politik und Kunst. Gleich im ersten Teil – einer Paraphrase auf Schneewittchen – geht es ums Ganze: Das Mädchen und der Tod disputieren – auf Heidegger rekkurierend – über das Wahre-Gute-Schöne, das man (in der Kunst) so gern beschwört, um bei gegenteiligen Beweisen sofort in Berufung zu gehen. Dabei ist das Prinzesschen „ganz schön goschert“ (Jelinek). Es wird zwar umgebracht, aber zuvor gibt es dem Tod, dem Mann, noch kräftig kontra: Das Leichte kämpft gegen das Schwere, Macht gegen Ohnmacht, Schönheit gegen Wahrheit.
Auch im zweiten Teil (Dornröschen) knüpft die Autorin an ein bekanntes Märchenmotiv an und wirft dabei einen metaphorischen Blick auf die notorische Insel der Seligen, das „kleine, dicke, hübsche, harmlose Land, das vom Prinzen Haider wachgeküsst wird“ (Jelinek). Aber der Kuss des Prinzen ist hier natürlich keineswegs – wie im Märchen – eine Erlösung. Es bleibt offen, ob die Folge wirklich ein Erwachen ist oder das endgültige Ende nach einem langen Dämmerschlaf.
Im dritten Dramolett (Rosamunde) schließlich, das an ein völlig in Vergessenheit geratenes  Stück von Helmina von Chezy anknüpft, für das Franz Schubert 1823 die Bühnenmusik geschrieben hat, versucht Elfriede Jelinek ihre Existenz als Schriftstellerin zu fassen: „Ich habe noch nie zuvor so sehr über mein Schreiben und meine Situation als Frau in mittleren Jahren, die halt Kunst fabriziert, reflektiert und sozusagen den sexuellen Wert beschrieben, der einem herausgezogen und in Texte übersetzt wird.“ Mit diesen autobiographischen Reflexionen, die nicht zuletzt von der Unmöglichkeit handeln, mit künstlerischen Mitteln angemessen auf die gesellschaftlichen und politischen Zumutungen zu reagieren, schließt sich der Kreis der zuvor allgemeiner diskutierten Themen: Wahrheit, Politik und Kunst.
Die österreichische Erstaufführung der drei Stücke, die jeweils für sich und doch zugleich in einem direkten Zusammenhang stehen, basiert auf der dramaturgischen Grundkonzeption, den unterschiedlichen Aspekten der eigenwilligen Theaterästhetik der Autorin gerecht zu werden: Der Abend wird daher von drei RegisseurInnen gestaltet, die sich in ihren Inszenierungen dem jelinekschen Theaterkosmos von ganz unterschiedlichen Seiten nähern.
Die deutsche Regisseurin und Dramaturgin Brigitte Landes, die mit der Autorin eine lange, intensive Zusammenarbeit verbindet (u.a. konzipierte sie gemeinsam mit der Schriftstellerin das Literaturprojekt Jelineks Wahl bei den Salzburger Festspielen 1998), wird im ersten Teil insbesondere die sprachlichen Angelegenheiten betonen (die nun einmal der Stoff sind, aus dem Jelinek ihre Stücke baut) und in ihrer Inszenierung den Fragen nachgehen, „was in der Sprache die Welt bedeutet, was der Welt die Sprache bedeuten kann und was Sprache für eine Welt schafft“ (Landes). Vorab ist nur soviel gewiss: Sprache rettet das Leben; solange gesprochen wird, ist man nicht tot. Und dass die Sprache aus dem Mund einer ganz jungen Frau anders klingt, als aus dem Mund einer „erwachsenen“ und einer noch älteren – vor allem dem Mann gegenüber, der ja auch der Jäger ist. Landes führt uns Jelineks Schneewittchen daher dreifach vor und – der Symmetrie wegen – auch den Jäger, „obwohl der Tod bekanntlich einmalig ist.“
Der britische Theaterpoet Marc von Henning überträgt im zweiten Teil Jelineks literarisches Spiel mit den Trivialitäten der Politik und der Medienwelt, die sie dem Pathos der Kunst gegenüberstellt, insofern kongenial auf die Bühne, in dem er die Texte der Autorin in den Medien spiegelt. Er remixed Jelineks couragierte Collagen neuerlich – diesmal audiovisuell – und macht die ProtagonistInnen damit auch zu RezipientInnen ihrer eigenen, ästhetisch aufgeladenen Geschichte(n). Die Sprache wird hier nicht – wie normalerweise am Theater – in die DarstellerInnen „abgefüllt“, sondern in diverse Video-Clips, zu denen sich die Live-SchauspielerInnen wie ein fremdbestimmter Rest verhalten: Prin